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Aus für Bär-Brot

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Von: Torsten Weigelt

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Lachendes Maskottchen, traurige Arbeiter: Bei Bär-Brot gehen die Lichter aus.
Lachendes Maskottchen, traurige Arbeiter: Bei Bär-Brot gehen die Lichter aus. © Michael Schick

Das Traditionsunternehmen stellt zum 1. Oktober die Produktion ein/ 31 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs

Wir waren alle überrascht“, sagt Osman Atalay. Seit 20 Jahren arbeitet er in der Großbäckerei Bär-Brot in Kriftel. Doch wenn es nach der Geschäftsführung geht, hat er am Freitag seinen letzten Arbeitstag. Während einer Betriebsversammlung vor zwei Wochen habe Geschäftsführer Carsten Kelbsch verkündet, dass die Produktion schon zum 1. Oktober eingestellt werden solle.

Wobei für Atalay, der Betriebsratsvorsitzender in dem Krifteler Traditionsunternehmen ist, nur der Zeitpunkt für das Aus ungewöhnlich war. „Wir haben eigentlich schon fast drauf gewartet“, sagt der 39-Jährige.

2007 hatte Finanzinvestor Frank Ostendorf das Unternehmen von dem Firmenerben Thomas Bär gekauft und der ihm gehörenden Großbäckerei Stauffenberg mit Sitz in Gelsenkirchen einverleibt. Schon kurz danach machte die neue Firmenführung die Produktion in Wetzlar dicht und lagerte die Verwaltung in Kriftel komplett aus. Später folgte die Logistik, die sich inzwischen in Flörsheim befindet.

„In Kriftel wurde seitdem so gut wie nichts mehr investiert“, sagt Osman Atalay. Folge: Großaufträge – etwa des Discounters Lidl – seien in den letzten Jahren nicht mehr nach Kriftel vergeben worden, sondern an andere Produktionsstätten der Stauffenberg-Bäckerei. „Wir hatten hier früher 10 bis 14 Stunden Stunden Arbeit am Tag“, berichtet der Betriebsratschef. In den vergangenen Jahren seien die Beschäftigten froh gewesen, wenn sie wenigstens noch sieben bis acht Stunden zu tun gehabt hätten.

Trotzdem willigten die Mitarbeiter 2009 ein, auf die Hälfte ihres Urlaubs- und Weihnachtsgeldes zu verzichten, um die Arbeitsplätze in Kriftel zu retten. „Außerdem gab es Tariferhöhungen erst sechs Monate später als in den anderen Betrieben“, sagt Gerhard Jahn von der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). Auf fast 200000 Euro hätten die Beschäftigten dadurch verzichtet.

Jetzt gehe es darum, wenigstens noch „einen anständigen Sozialplan“ auszuhandeln, so Jahn. Doch auch da erweise sich Firmeneigner Ostendorf knauserig. Pro Jahr Betriebszugehörigkeit habe er den Beschäftigten einen Viertel-Monatslohn angeboten – plus 250 Euro pro Kind. „Das ist lächerlich“, findet Atalay. Gestern trafen sich die Beteiligten erneut zu Verhandlungen. „Wir haben uns ein bisschen aufeinander zubewegt“, sagt Gerhard Jahn. „Doch die Vorstellungen liegen noch deutlich auseinander.“ Nun müsse wohl ein Arbeitsrichter entscheiden.

Die Zukunftsperspektive für die 31 Mitarbeiter in Kriftel ist düster. „Die meisten von uns haben keine abgeschlossene Ausbildung“, sagt Osman Atalay. Zudem seien viele im Alter zwischen Ende Vierzig und Mitte 50. „Da wird es sehr schwierig, etwas Neues zu finden“, befürchtet er.

Immerhin sollen die 35 Fahrer in Flörsheim ihre Jobs behalten. Und auch die beiden Bär-Brot-Filialen in Bexbach und Daun wolle die Stauffenberg-Bäckerei weiterbetreiben, teilt Gewerkschaftssekretär Gerhard Jahn mit. „Doch wie lange das gilt, wissen wir nicht.“

Weder Gesellschafter Frank Ostendorf noch Geschäftsführer Carsten Kelbsch waren gestern für eine Stellungnahme zu erreichen.

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