Bad Soden

Totschlag in Bad Soden: Prozess beginnt

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Ein Bad Sodener sticht im Mai 2019 auf einen Busfahrer ein und tötet den Nachbarn. Warum, sagt er vor Gericht nicht.

Nach dem, was die Anklage erzählt, hatten in der Nacht auf den 25. Mai 2019 drei Männer in Bad Soden eine Begegnung mit dem Tod – und zwei davon haben überlebt. Eine andere Geschichte gibt es derzeit auch nicht, denn der Angeklagte, der 28 Jahre alte Alexander R., schweigt im Prozess wegen vollendeten und versuchten Totschlags, der am Dienstagmorgen vor dem Frankfurter Landgericht beginnt.

Der erste der drei Männer ist Francesco B., 63. Der Nachtbusfahrer macht um 2.20 Uhr eine Zigarettenpause am Busbahnhof, als plötzlich der ihm völlig unbekannte R. an ihn herantritt und ihm wortlos ein Messer in die Brust sticht. B. kann den Angriff mit dem linken Arm abschwächen, die Klinge fährt ihm nur zwei Zentimeter tief in die Brust, er ruft um Hilfe, der Täter flüchtet – wie sich später herausstellen wird, nach Hause.

Nach drei Tagen wird B. das Krankenhaus wieder verlassen können, aber nicht mehr als Busfahrer. Seit dem Angriff leidet er unter Anflügen eines „hochfrequenten Tremors“, Depressionen und Alpträumen. Er hat ein Attest, das besagt, dass ihm der Anblick des Angeklagten seelisch nicht zumutbar sei – Alexander R. wird während der Vernehmung B.s aus dem Saal geführt. „Ich bin wieder zum Kind geworden“, fasst B. die psychischen Folgen der Tat für ihn zusammen, und er meint damit nicht bloß die Angst vor der Dunkelheit.

Lärm, mitten in der Nacht

Der zweite ist Harald M., 63. Er ist Alexander R.s Nachbar. Die Polizei wird ihn später erstochen in seiner Wohnung finden. Das Messer steckt noch in seinem Körper.

Der dritte ist Rainer K., 67. Der Rentner wird mitten in der Nacht durch Lärm aus dem Schlaf gerissen. „Kein Geschrei, eher Gepolter und Türenknallen“, sagt er im Zeugenstand. Im Schlafanzug öffnet er die Tür zum Flur. Vor der Tür steht Alexander R.

„Er wirkte irgendwie abwesend“, erinnert sich K. Nicht aggressiv, „eher willenlos“. R.s bloße Füße stecken in Badeschlappen, K. bemerkt, dass sie blutverschmiert sind. „Hast du gegen die Wand getreten?“, fragt K. seinen Nachbarn, mit dem er außer flüchtigen Grüßen noch nie ein Wort gewechselt hat. R. schweigt. „Dann kam er plötzlich auf mich zu, immer näher“, und K. wehrt ihn ab, „und dann entstand eine Rangelei, aber nichts Schlimmes“, und irgendwann gibt R. klein bei, wendet sich ab und geht hinaus in die Nacht. Im Hausflur verliert er eine Badeschlappe.

Nachdem er sich vom Schrecken halbwegs erholt hat, geht K. ihm hinterher. „Ich wollte die Sache klarstellen.“ Aber er findet R. nicht. Er findet die Polizei und Beschäftigte eines Sicherheitsdiensts, die nach dem Messerstecher vom Busbahnhof suchen und eine vermeintliche Spur gefunden haben: eine blutverschmierte Badeschlappe. Das Gegenstück liege in seinem Hausflur, informiert K. die Ermittler, und das Paar gehöre seinem Nachbarn Alexander R. In dem Haus finden die Ermittler R. nicht. Stattdessen finden sie den toten Harald M. Aber sie finden R. – er wird noch in derselben Nacht in Bad Soden festgenommen. Das Blut an seiner Kleidung und seinen Schlappen wird später als das von M. identifiziert.

Das Motiv? Es gibt vermutlich keins. In einem später widerrufenen Geständnis soll R. gesagt haben, er habe „jemanden töten wollen“. Jetzt sagt er nicht einmal mehr das.

In dem Prozess, für den fünf Verhandlungstage bis Anfang März geplant sind, steht auch eine Sicherungsverwahrung für den mehrfach vorbestraften R. zur Debatte.

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