Bad Soden

Bad Soden: Totschlag ohne Motiv

26-Jähriger verurteilt, weil er in Bad Soden ging auf einen Busfahrer losging und dann seinen Nachbarn erstochen hat

Es war ein Prozess, der einen das Gruseln lehren konnte. Was zum einen an der Tat lag, zum anderen am Angeklagten. Am Donnerstag hat das Landgericht den 26 Jahre alten Alexander W. wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt und die anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet. Man könne es nicht verantworten, so der Vorsitzende Richter Volker Kaiser-Klan, dass man „einen Menschen wie W. nach der Strafverbüßung frei herumlaufen lässt“. Er sei „eine Zeitbombe“.

In der Nacht auf den 25. Mai 2019 hatte W. seinen Nachbarn, den 62 Jahre alten Harald M., in dessen Wohnung mit einem von M.s Küchenmessern erstochen – offenbar einzig und allein aus dem Grund, dass er einen Menschen töten wollte, egal wen. Zuvor war er am Bad Sodener Busbahnhof mit einem Messer ohne jeden Anlass auf den ihm völlig unbekannten 64 Jahre alten Busfahrer Francesco B. losgegangen. Der konnte den Stich in seine Brust zumindest so weit abwehren, dass er zwar schwer, aber nicht tödlich verwundet wurde.

W. hatte in der Tatnacht etwa drei Promille Alkohol im Blut und Cannabis geraucht; was die meisten Menschen bewegungsunfähig machen dürfte, sei bei W. allerdings trauriger „Normalzustand“, heißt es in der Urteilsbegründung. W. ist seit seiner Jugend Leistungstrinker. Eine Therapie, zu der er neben einer Haftstrafe verurteilt worden war, weil er schon einmal einen schwerbehinderten, 75 Jahre alten Nachbarn grundlos zusammengetreten hatte, hat er abgebrochen. Dem mehrfach – meist wegen Körperverletzungen – vorbestraften W. ist laut Kaiser-Klan „nicht zu helfen – weil er sich nicht helfen lassen will“. Er wolle sich auch weiterhin rund um die Uhr betrinken. Er wolle weder arbeiten noch ein halbwegs normales Leben führen. „Er will asozial bleiben.“

Geständnis widerrufen

W. hatte in dem Prozess geschwiegen und die Verhandlung emotionslos, aber mit stechendem Blick verfolgt. Eine Begutachtung durch einen psychiatrischen Sachverständigen hatte er verweigert. Ein Geständnis, das er gegenüber den Polizisten, die ihn festgenommen hatten, abgelegt hatte, hat er später widerrufen. Die Indizien aber waren aussagekräftig genug. W.s Jacke war in M.s Wohnung gefunden worden, das Blut des Nachbarn fand sich an den Kleidern, die er bei seiner Festnahme anhatte.

„Die meisten Fälle sind motivgebunden“, sagt Kaiser-Klan. Dieser sei es nicht. Es gebe Verbrechen, die nicht entschuldbar, aber immerhin zu verstehen seien. Dieses nicht. Mordmerkmale seien hier „zwar naheliegend“, aber nicht restlos beweisbar. Es sei zwar anzunehmen, dass der gesundheitlich angeschlagene M. „arg- und wehrlos“ gewesen sei, als W. ihn heimsuchte, beweisbar aber sei es nicht. Ebenso könne der Angriff auf den Busfahrer B. nicht wie ursprünglich angeklagt als versuchter Totschlag abgeurteilt werden. Daran, dass es W. war, der den Busfahrer attackierte, hatte die Kammer aber nicht den geringsten Zweifel.

Nach der Verbüßung seiner Haftstrafe muss alle zwei Jahre geprüft werden, ob die Sicherungsverwahrung gegen W. aufgehoben werden kann. Die Kammer, das wurde in der Urteilsbegründung deutlich, sieht diese Option eher kritisch.

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