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Mensch und Maschine operieren zusammen

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Die Roboterarme des OP-Systems „da Vinci“ in Aktion. Fuchs
Die Roboterarme des OP-Systems „da Vinci“ in Aktion. Fuchs © efx

In der Varisano-Klinik zeigen Experten die Möglichkeiten der modernen, roboterunterstützten Medizin

Bad Soden - Der rund ein Zentimeter kleine Zangenschnabel greift den roten Gummiring, manövriert ihn über eine glibberige, noppenartige Landschaft und platziert ihn punktgenau an anderer Stelle. Kleinste Endoskope bewegen sich an vier Roboterarmen, wie von Zauberhand geführt. Die Szene ähnelt einem Science-Fiction-Film, doch spielte sie sich in der Bad Sodener Varisano Klinik ab. Am Samstag lernten dort Mediziner und Pressevertreter die moderne Welt der roboterassistierten Chirurgie kennen.

Die Experten Dr. Amr Ahmed, Chefarzt Urologie, Dr. Dietrich Mosch, Chefarzt Gynäkologie und Geburtsheilkunde, Professor Matthias Seelig, Chefarzt der chirurgischen Klinik I und Dr. Michael Booke, Chefarzt Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie präsentierten das neue Operationssystem „da Vinci“ mit Hilfe eines Patiententorsos aus Kunststoff.

Bereits in den Neunzigern forschten Ingenieure und Medizintechniker an ersten extern steuerbaren Operationsgeräten. Heute ist das in der Anschaffung bis zu zwei Millionen Euro teure Operationssystem „da Vinci“ Marktführer und OP-Einheit der Wahl bei urologischen, gynäkologischen Krebs- und anderen schweren Leiden. In Bad Soden operieren die Ärzte schon länger mit dem „da Vinci“. Der Roboter ersetze konventionelle, offene Operationen und die laparoskopischen Eingriffe am OP-Tisch, erklärten die Profis.

Am Wochenende durfte ausnahmsweise auch die Autorin dieses Textes an der Steuerkonsole Platz nehmen und unter Anleitung einen Plastiktorso operieren. Im Bauch der Puppe waren Gummizapfen sowie Ringe versteckt, die per Knopfdruck aus der Ferne umplatziert werden mussten. Ursprünglich wurde die roboterassistierte Chirurgie entwickelt, um in Krisengebieten ferngesteuert zu operieren. Heute sitzen die Chirurgen im Nebenzimmer. „Die Operationseinheit besteht aus der Steuerkonsole, und der patientenseitigen Robotikeinheit“, führte Dr. Amr Ahmed ein. Der Chef-Urologe, seit vielen Jahren in der roboterassistierten Chirurgie erprobt, erklärte die zahlreichen Bedienelemente. Das externe Operationspanel sei sensibel, verriet der Mediziner, daran müssten sich Laien erst gewöhnen.

Auf einem Drehstuhl sitzend lagen die Hände auf der Konsole. Das Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Welcher Knopf gehört zu welcher Zange? Was geschieht wenn der Hebel zu stark gedrückt oder zu wenig gezogen wird? Die endoskopischen Geräte im OP-Saal wurden mit Knöpfen, Schaltern und auch per Fußpedal aktiviert. Als Operateur blickt man während des Eingriffs durch eine Art Fernglas, mit dem an die künstliche Wundstelle herangezoomt wird. Im OP-Saal am Patienten steht normalerweise ein speziell ausgebildetes OP-Team zur Hilfe bereit. Am Samstag nahmen die Chefärzte diese Rolle ein.

Viele Vorteile für Patienten und Patientinnen

Die Arbeit am Monitor erinnerte an ein Computerspiel. „Versuchen Sie doch mal einen der Gummiringe umzuplatzieren“, ermunterten Caroline Murmann und Christian Keskari vom Hersteller „Intuitive Surgical“. Leichter gesagt als getan. Innovative Technik beherrscht heute die Medizin, muss im Gegenzug aber auch vom Menschen beherrscht werden. Michael Booke nannte die Vorteile der Arbeitsweise. „Der Patient muss weniger stark betäubt werden. Die Methode bereitet weniger Schmerzen. Der Heilungsprozess ist schneller und die Verweildauer im Krankenhaus sinkt.“ Dr. Matthias Seelig ergänzte: „Die Roboterarme erreichen auch schwierige Regionen im Toraxbereich. Das Operationssystem ist ein ungemeiner Gewinn für die moderne Medizin.“

Doch Steuerkonsole, patientenseitige Robotikeinheit, Videoturm und dreidimensionale Kamera- und Lichttechnik stellten auch erfahrene Mediziner vor Herausforderungen, betonte Dr. Dietrich Mosch. Schulung und Training seien daher unabdingbar. Durch eine Kooperation mit dem Klinikum Höchst sollen künftig auch Patienten aus dem Frankfurter Stadtteil per Roboterhilfe operiert werden. Kollegen aus Höchst besuchten am Samstag das „da Vinci“-Zentrum Bad Soden. Die Verfahrenstechnik werde an privat und staatlich versicherten Patienten durchgeführt, erklärte Dr. Booke.

Wie Dr. Ahmed verriet, erfolgten bereits 95 Prozent der urologischen und gynäkologischen Eingriffe über das roboterassistierte System. Weitere positive Nebeneffekte für den Patienten seien ein geringerer Blutverlust, kleinere Einschnittwunden, eine kürzere Operationsdauer sowie eine um ein Vielfaches geringere Komplikationsrate als bei konventionellen Methoden. Das kleinteilige Arbeiten am Bildschirm war auch für Außenstehende beeindruckend, denn das präzise Zusammenspiel aus Mensch und Maschine kann Leben retten.

Reporterin Esther Fuchs (Mitte) darf an’s Kontrollpult. privat
Reporterin Esther Fuchs (Mitte) darf an’s Kontrollpult. privat © efx

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