_200817unwetterschaeden_bad_2
+
Der Sodenia-Tempel mit der Solquelle im Quellenpark ist bis auf weiteres gesperrt.

Bad Soden

Flutwelle aus dem Taunus

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
    schließen

Ein Jahrhundertunwetter hat Ende letzter Woche ganze Stadtteile in Bad Soden, Kelkheim und Liederbach unter Wasser gesetzt. Die Schäden sind immens.

Die Fotos und Videos, die seit Freitagabend im Internet kursieren, zeigen, mit welcher Wucht das Unwetter Bad Soden Ende vergangener Woche getroffen hat: Die Hauptverkehrsader der Stadt, die Königsteiner Straße, gleicht einem reißenden Fluss. Der Alte Kurpark ist ein riesiger See, aus dem die Bäume emporragen. In den Altstadtstraßen schwappt das Wasser über Türschwellen, Keller sind mit einer dreckigen, schlammigen Brühe vollgelaufen.

„Die Flutwelle aus dem Taunus kam rasend schnell“, sagt Stefan Marx. Sein Papierwarenladen liegt an der Königsteiner Straße. Nur wenige Minuten habe es gedauert, bis das 160 Quadratmeter große Geschäft fast komplett unter Wasser stand, sagt Marx. Als der Regen aufhörte, holten er und seine Frau Freunde zu Hilfe, die bis tief in die Nacht das Wasser mit Schippen und Besen aus dem Laden kehrten. Auch Samstag und Sonntag waren sie damit beschäftigt, alles wieder herzurichten, damit der Verkauf weitergehen kann. Am Montag sind nur noch ein paar nasse Flecken auf dem Granitboden zu sehen.

Den auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegenen Supermarkt hat es schwerer getroffen. Die Schäden, die das Unwetter vor allem an der Elektrik angerichtet hat, sind so gravierend, dass der Markt gestern geschlossen bleiben musste. Auch die Tiefgarage stand am Freitagnachmittag binnen weniger Minuten komplett unter Wasser. „Ich war nur kurz einkaufen, als ich zurückkam, war von meinem Auto nur noch das Dach zu sehen“, erzählt Cornelia Jourdan. Mit dem Handy in der Hand wartete die Bad Sodenerin gestern Mittag auf den Abschleppwagen. Ihr Auto habe Totalschaden, die Versicherung habe in Aussicht gestellt, den Restwert zu zahlen. „Mehr kann man wohl nicht machen.“

Durch das Hochwasser wurde Geröll in den Alten Kurpark gespült, das jetzt beseitigt werden muss.

Der Starkregen sei am Freitagnachmittag eine Stunde lang über Königstein sowie über Alten- und Neuenhain niedergegangen, sagt Bürgermeister Frank Blasch (CDU). Danach sei das Wasser durch die Täler, über den Sulzbach und den Niederdorfbach in die Stadt gestürzt. Blasch spricht von einer „Extremsituation, die wir in dieser Form noch nicht hatten“. Einer solchen Naturkatastrophe hätten auch die in den letzten Jahren gebauten Regenrückhaltebecken sowie die bereits erneuerten und größer dimensionierten Kanäle nicht standhalten können. An 150 Stellen im Stadtgebiet waren Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Deutsches Rotes Kreuz bis zum Samstagmorgen im Einsatz. Die Aufräumarbeiten gingen am Wochenende und auch gestern weiter.

Auch wenn auf den ersten Blick nur noch wenig in Bad Soden an das Unwetter erinnert: Der entstandene Schaden ist immens. Im Kurpark haben die Wassermassen Wege teilweise weggespült. Hinter dem neuen Sprudel liegt Geröll auf dem Rasen, ein Schild warnt vor Unfallgefahr. Weil Schlamm und Laub hineingespült wurden, sind zurzeit vier Heilquellen im Stadtgebiet gesperrt. Den größten Schaden hat das Hochwasser im städtischen Freibad angerichtet. Als der nahe gelegene Sulzbach über die Ufer trat, wurde die gesamte Anlage überschwemmt. Auch der Technikkeller sei mit Wasser vollgelaufen, sagt Frank Blasch. Noch ist nicht abzusehen, wie lange die Reparaturarbeiten dauern werden. „In dieser Saison werden wir das Bad nicht mehr öffnen können“, bedauert der Bürgermeister.

Unwetter

Gewitter und Starkregen haben den Feuerwehren in Hessen in der Nacht und am Montagmorgen erneut zahlreiche Einsätze beschert. Besonders betroffen waren das östliche Rhein-Main-Gebiet und Teile Mittelhessens. Im Klinikum Hanau lief laut Feuerwehr der Keller voll, so dass mehrere Medizingeräte und Aufzüge für einige Zeit außer Betrieb waren. Nach Angaben einer Sprecherin des Klinikums waren aber keine Patienten betroffen und keine größeren Schäden entstanden. Insgesamt musste die Feuerwehr in Hanau fast 100 Mal ausrücken. In Darmstadt stürzte ein Baum auf ein Mehrfamilienhaus, wie die Polizei mitteilte. Verletzt wurde demnach aber niemand. (dpa)

Schwer getroffen hat das Unwetter am Freitagnachmittag auch die Nachbarstadt Kelkheim. Die größten Schäden gebe es im Stadtteil Hornau, sagt Bürgermeister Albrecht Kündiger (UKW) der FR. Dort seien drei Häuser bis auf weiteres unbewohnbar. Statik und Elektrik müssten erst überprüft werden. Auf dem Bürgersteig türmte sich gestern entlang vieler Straßen der Sperrmüll. Alles, was in den überfluteten Kellern gelagert war, muss entsorgt werden. Die Stadt habe Sonderabfuhren für den Müll organisiert, sagt Kündiger.

Mehr als 270 Notrufe sind seinen Angaben zufolge am Freitag binnen einer Stunde eingegangen, 150 Rettungskräfte, darunter auch Feuerwehren aus Hofheim, Wallau und Kriftel waren im Einsatz. Mit 60 Pumpen und 20 Saugern pumpten sie die Keller bis zum frühen Samstagmorgen leer.

In Kelkheim wird der Sperrmüll in Sondertouren abgefahren.

Wasser war auch ins Untergeschoss des Kelkheimer Rathauses eingedrungen, bedrohte das Archiv und den Serverraum der Stadtverwaltung. „Wir konnten das Schlimmste gerade noch verhindern“, sagt Kündiger. In der Stadtmitte liefen zwei Tiefgaragen voll. Die Staufenhalle wurde ebenfalls beschädigt, sie ist bis auf weiteres gesperrt.

Ein „Extremereignis“ mit solchen Wassermassen, die auch viele Kanaldeckel hochdrückten, habe man in Kelkheim noch nie erlebt, sagt Albrecht Kündiger. Er ist überzeugt: „Hätten wir nicht den Liederbach renaturiert und das Bett im Stadtgebiet verbreitert, es wäre alles noch viel schlimmer gekommen.“

Im südlich gelegenen Liederbach hatten vor allem die Bewohner des Ortsteils Alt-Niederhofheim mit den Folgen des Unwetters am Freitag zu kämpfen. Über die Felder sei das schlammige Wasser auf die Wohnhäuser am Ortsrand zugeschossen und habe die Keller komplett geflutet, berichtet Bürgermeisterin Eva Söllner (CDU). „Es ist schockierend zu sehen, wie viel da zerstört wurde.“ Die extreme Trockenheit habe wohl mit dazu beitragen, dass das Wasser auf der ausgedörrten Erde nicht versickern konnte, glaubt Söllner.

Mehr als 20 Häuser waren vom Hochwasser betroffen. Auch in Liederbach wird der Sperrmüll in Sondertouren abgefahren. Vor vielen Häusern stehen Container für den Müll. Der Bauhof sei das ganze Wochenende mit Aufräumarbeiten beschäftigt gewesen, berichtet Eva Söllner. Außerdem hätten viele Bürger mitangepackt. „Die Solidarität unter den Nachbarn war groß.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare