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Der Bilderbuch-Bauernhof 2.0

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Das Obst bleibt die Haupteinnahmequelle für Annette und Andreas Stamm. Doch auf dem Hof gibt es längst mehr als nur Felder. Kunze
Das Obst bleibt die Haupteinnahmequelle für Annette und Andreas Stamm. Doch auf dem Hof gibt es längst mehr als nur Felder. Kunze © Robin Kunze

Betreiber des Obstguts Stamm als Hessen-Pioniere ausgezeichnet

Bad Soden - Wenn Andreas Stamm an den landwirtschaftlichen Betrieb seines Vaters Philipp zurückdenkt, lässt sich Nostalgie, aber auch eine gute Portion Wehmut heraushören: „Als ich noch Kind war, hatten wir einen Bilderbuch-Bauernhof: Marktfrüchte, Schweine, Kühe. Das ist erst eine Generation her, aber heute wäre so ein Betrieb nicht mehr überlebensfähig. Das ist die Realität und damit müssen wir umgehen.“ Nein, mit einem Dutzend Kühe und 100 Schweinen lässt sich kein Hof mehr betreiben. Dennoch entschieden sich Andreas und Ehefrau Annette einst dazu, den Familienbetrieb weiterzuführen. Seitdem ist viel passiert.

Aufgrund des städtebaulichen Entwicklungskonzepts des Frankfurter Stadtteils Kalbach, wo der landwirtschaftliche Betrieb mindestens seit vier Generationen in der Hand der Familie Stamm war, verlor das Ehepaar seine Flächen. Statt aufzugeben, entschloss sich das Ehepaar für einen Neubeginn in Bad Soden, wo man 2006 den Wacholderhof übernahm. War die Landwirtschaft zuvor ein Nebeneinkommen, bekannten sich Stamms jetzt voll und ganz zu dieser Tätigkeit, richteten das Konzept aber neu aus. „Wir haben den Hof erstmal auf Obstbau umgestellt, weil wir hier das größte Potenzial gesehen haben“, berichtet Andreas Stamm.

Um nicht abhängig zu sein von einer langen Wertschöpfungskette, an deren Ende oft der Produzent der zu verwertenden Erzeugnisse am wenigsten verdient, eröffneten Stamms einen Hofladen auf dem Hof-Areal zwischen den Sodener Stadtteilen Altenhain und Neuenhain. Doch das „groß gedachte“ Konzept mit einem reichhaltigen Angebot, bestehend aus eigenen Erzeugnissen, aber auch zugekauften Waren, ging nicht auf. „Am Ende des Tages konnten wir von einer Kiste Salatköpfen nur zwei verkaufen“, erinnert sich Andreas Stamm. Erneut passte sich das Ehepaar den Gegebenheiten an, schmiss fremde Erzeugnisse aus dem Sortiment und eröffnete ein Hof-Café. Die Erkenntnis: Wegen des Obstes allein kommt die Kundschaft vielleicht nicht mehr. Ein Stück leckerer Kuchen findet dafür aber immer Anklang. „Heute kommen die Gäste nicht wegen unserer Äpfel zu uns“, erklärt Annette Stamm, „sondern wegen des Hof-Cafés. Die Äpfel nehmen sie trotzdem gerne mit, quasi beiläufig.“

Keine Lust mehr auf „Wachsen oder Weichen“

Zusätzlich vertreibt das Obstgut Stamm seine Früchte auch in Supermärkten, als Mitgliedsbetrieb der Hessischen Direktvermarkter (VHD). Der Obstbau, der auf den rund 7,5 Hektar des Wacholderhofes erfolgt, bleibt die Haupteinnahmequelle, wie Andreas Stamm betont. Doch der vergleichsweise kleine Landwirtschaftsbetrieb muss immer wieder neue Wege finden, um konkurrenzfähig zu bleiben.

„Früher, noch zu den Zeiten meines Vaters, galt das Prinzip Wachsen oder Weichen“, erinnert sich Andreas Stamm. Wer nicht mehr und mehr Flächen zum Anbau gewinnen konnte, der wurde vom Markt gedrängt. Auf diesen Raubbau hatte er aber keine Lust mehr und entschied sich daher für eine Alternative: das Diversifizieren. Neben dem eigentlichen Landwirtschaftsbetrieb bietet das Ehepaar Stamm seit dem vergangenen Jahr auch vier Ferienwohnungen an. Die hübschen, modern und doch rustikal eingerichteten Apartments befinden sich auf dem Hof.

Zunächst musste in dieses neue Standbein ordentlich investiert werden - sowohl Geld für die Neueinrichtung der Zimmer, aber auch Geduld aufgrund der bürokratischen Hürden. „Es gibt zwar viele Förderprogramme auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite werden die Bauvorhaben dann von den Behörden torpediert“, sagt Annette Stamm. Ihr Ehemann ärgert sich zudem über eine Kultur des Verhinderns, statt des Erschaffens in der Sodener Politik. Mittlerweile haben sowohl die Apartments als auch das Hof-Café einen treuen Kundenstamm. Schweine und Kühe gibt es längst nicht mehr bei Stamms, doch haben die Betreiber einen eigenen Weg gefunden - und so quasi einen Bilderbuch-Bauernhof 2.0 erschaffen. Für das moderne Konzept wurde das Ehepaar kürzlich vom Land ausgezeichnet. Annette und Andreas Stamm wurden in den Kreis der „Hessen-Pioniere“ aufgenommen - eine Auszeichnung für Menschen, die zeigen, wie man ein Herzensprojekt in Hessens ländlichem Raum erfolgreich umsetzen und somit den Tourismus nachhaltig stärken kann.

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