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Franco Varveri will Internist werden. Seine Facharztausbildung macht er in den Main-Taunus-Kliniken.

Bad Soden

Arzt ohne Abitur - ganz offiziell

  • Andrea Rost
    vonAndrea Rost
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Franco Varveri hat mit Hilfe eines Aufstiegsstipendiums Medizinstudium und Promotion geschafft, obwohl er kein Abitur gemacht hat. Jetzt absolviert der 34-Jährige die Facharztausbildung zum Internisten am Krankenhaus Bad Soden.

Der Berater beim Arbeitsamt hatte für Franco Varveri nur ein müdes Lächeln übrig. Auf die Frage, wie er denn ohne Abitur einen Studienplatz für Medizin ergattern könne, bekam er zur Antwort: „Spielen Sie lieber Lotto, da ist die Chance größer.“ Ebenso ernüchternd war die Empfehlung, die der Oberurseler von mehreren Universitäten erhielt. „Sie haben mir gesagt, ich soll wiederkommen, wenn ich ein Einser-Abi in der Tasche habe“, erzählt Franco Varveri.

Genau das aber hatte Varveri am Gymnasium seiner Heimatstadt nicht geschafft. Er hatte die Schule nach der Mittleren Reife abgebrochen. „Ich hatte zu viele Interessen damals, das Lernen stand nicht im Vordergrund, irgendwie hab’ ich auch nicht an mich geglaubt“, erinnert er sich. Franco Varveri beschloss, eine Ausbildung als medizinischer Fachangestellter zu machen.

In einer Frankfurter Praxis für Sucht- und Allgemeinmedizin fand er eine Lehrstelle. Und stellte schon in der Probezeit fest: Das ist genau mein Ding. Die Vielfältigkeit der Arbeit, die Verantwortung, die er schnell übernehmen durfte, begeisterten ihn. Der Zuspruch von Patienten tat ihm gut. Das Lob des Chefs, der sein Talent erkannte, ebenso. „Er hat mir schon im dritten Monat meiner Ausbildung prophezeit, dass ich einmal Medizin studieren werde“, erinnert sich Franco Varveri. Er schmunzelt. „Für mich war die Vorstellung damals völlig absurd.“

Stipendium

Das Aufstiegsstipendium des Bundesbildungsministeriums richtet sich an engagierte Fachkräfte mit Berufsausbildung und mehrjähriger Praxiserfahrung. Gefördert wird ein erstes Hochschulstudium in Vollzeit oder berufsbegleitend. Der Schulabschluss und Schulnoten spielen keine Rolle, es zählen die Leistungen in der Berufsausbildung und in der Berufstätigkeit. Der erste Schritt zum Stipendium ist eine Online-Bewerbung, die ab 22. September wieder freigeschaltet ist. Weitere Informationen unter www.aufstiegsstipendium.de.

Nachdem er die Abschlussprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, kam er dann aber doch ins Grübeln. „Ich hatte das Gefühl, das kann’s noch nicht gewesen sein“, sagt Varveri. Er ließ sich von den Absagen beim Arbeitsamt und auf den Unis nicht abschrecken und fand einen Alternativweg: Die Landesärztekammer bot eine Weiterbildung zum Fachwirt für ambulante medizinische Versorgung an als Äquivalent für den Meistertitel im Handwerk. Der Abschluss öffnete Franco Varveri die Tür zum Medizinstudium. Wieder legte er die Examen mit Auszeichnung ab, engagierte sich sogar anschließend selbst als Dozent und Prüfer an der Akademie der Landesärztekammer und bekam einen Studienplatz an der medizinischen Fakultät in Mainz.

„An meinem 26. Geburtstag im Herbst 2011 war mein erster Uni-Tag“, erzählt Franco Varveri. Stolz sei er damals gewesen, das erreicht zu haben, was ihm zuvor kaum jemand zutraute, sagt er. Den Abiturstoff, speziell in Chemie, Biologie und Physik, in kürzester Zeit aufzuholen, sei eine enorme Herausforderung gewesen. Das Studium neben dem Beruf zu bewältigen ebenso. Kurz vor dem Abbruch sei er wegen der Doppelbelastung gestanden, erinnert sich Franco Varveri, als er den Tipp bekam, sich für das Aufstiegsstipendium des Bundesbildungsministeriums zu bewerben. Eine Woche später erhielt er die Zusage, konnte seine Arbeit erheblich reduzieren, fertigstudieren und seine Promotion „Summa cum laude“ abschließen.

Das Thema seiner Doktorarbeit kommt aus der Suchtmedizin. Varveri erforschte die Wirkung von E-Zigaretten auf die Gefäßfunktion. Sein nächstes Ziel hat der 34-Jährige fest im Blick. Er möchte Internist werden. Seit 1. April 2019 arbeitet er als Assistenzarzt an der Kardiologie der Main-Taunus-Kliniken in Bad Soden, absolviert dort seine Ausbildung zum Facharzt. Er lobt die gute Atmosphäre und das kollegiale Miteinander.

Die Geschichte seines beruflichen Werdeganges erzähle er, „um anderen Mut zu machen, nicht aufzugeben, auch wenn viele Skeptiker da sind“, sagt der Oberurseler, der inzwischen in Mainz zu Hause ist. An Eltern appelliert er, ihre Kinder zu fördern, sie ihre Leidenschaft leben zu lassen. „Meine Familie hat mich immer unterstützt“, sagt Varveri.

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