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Armut auf dem Vormarsch

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Bei vielen Menschen im Main-Taunus-Kreis reicht das Geld nicht mehr für normale Einkäufe. Caritas und DRK reagieren darauf mit der Eröffnung neuer Second-Hand-Läden. Von Gesa Fritz

Der rote Wintermantel, die warme Hose, die weiße Mütze - alles, was Maria Rohr trägt, ist Second-Hand. In einem normalen Laden könnte sie sich nicht einkleiden, sagt die 66-Jährige. Zu Weihnachten hat sie ihrer Enkelin eine Puppe geschenkt. Eine gebrauchte natürlich.

Im Main-Taunus-Kreis sind immer mehr Menschen auf Unterstützung angewiesen. Das Geld reicht nicht mehr für die alltäglichen Dinge des Lebens. Nach Angaben des Kreises sind derzeit 2785 Personen im Main-Taunus-Kreis langzeitarbeitslos gemeldet, 8634 Menschen leben von Leistungen aus der sozialen Grundsicherung.

"Es gibt hier sehr viele Arme und wir gehen davon aus, dass es noch viel mehr werden", sagt Ottmar Vorländer, Geschäftsführer der Caritas Main-Taunus. Die Zahl derer, die bei der Caritas Anträge auf Unterstützung gestellt haben, ist von 2007 bis 2008 um ein Drittel gestiegen. Vor allem Alleinerziehende und Alte bräuchten Hilfe, sagt Vorländer.

Die Caritas hat auf diese Entwicklung mit der Eröffnung eines neuen Anziehpunktes reagiert. Kurz vor Weihnachten wurde der Second-Hand-Laden für einen Tag geöffnet, nächste Woche beginnt der regelmäßige Verkauf.

Bereits am ersten Öffnungstag war die Nachfrage groß, viele Kunden haben sich für wenig Geld mit Wintersachen eingedeckt. Rohr ist eine der wenigen unter den Kundinnen, die ihren Namen preisgibt. Die Scham ist groß. Kollegen, Freunde, Nachbarn sollen nicht wissen, dass das Geld nicht reicht.

Eine Frau hat Hosen, Winterstiefel und Unterwäsche für ihre vier- und sechsjährigen Söhne zusammengesucht. Ihr Mann arbeitet für eine Leihfirma. "Er verdient 800 Euro im Monat. Das reicht für solche Anschaffungen einfach nicht", sagt die 35-Jährige.

Die steigende finanzielle Not im Kreis beobachtet auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Main-Taunus mit Sorge und eröffnet einen weiteren Second-Hand-Laden. Ab dem 15. Januar werden in Okriftel gebrauchte Kleidung, Geschirr, Spielzeug oder Kinderwagen für wenig Geld verkauft. Größere Artikel können an einer Pinnwand zum Kauf oder Tausch angeboten werden. Wie im Anziehpunkt der Caritas steht der Laden allen offen, Bedürftige müssen in beiden Häusern nur den halben Preis bezahlen.

Der DRK-Laden soll aber mehr sein, als ein günstiger Warenumschlagplatz. Im hinteren Teil wird ein Café mit Kinderecke eingerichtet. "Die Menschen können sich dort treffen und miteinander ins Gespräch kommen", sagt Regine Ludenia vom DRK. Mitarbeiter sollen hier Ansprechpartner für Bedürftige mit ihren Sorgen sein und auch über das Rote Kreuz informieren.

So groß die Zahl der Hilfsbedürftigen im Kreis ist - Caritas und DRK beobachten auch eine große Spendenbereitschaft. Die Lager sind gut gefüllt, Nachschub wird dennoch immer gerne genommen. Echter Mangel, heißt es von der Caritas, herrsche derzeit nur bei Babykleidung und Herrenschuhen.

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