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Arbeitslose als Demenzhelfer

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Ulrike Kessler macht gerade in der Taunusresidenz ein Praktikum alsDemenzbetreuerin. Hier kümmert sie sich um eine Bewohnerin.
Ulrike Kessler macht gerade in der Taunusresidenz ein Praktikum alsDemenzbetreuerin. Hier kümmert sie sich um eine Bewohnerin. © FR/Surrey

Der Main-Taunus-Kreis bildet Langzeitarbeitslose zu Assistenten für die Betreuung von Demenzkranken aus. Von Claudia Horkheimer

Von Claudia Horkheimer

"Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum", singt Gerlinde Krause das alte Volkslied mit klarer heller Stimme und schmiegt sich an ihre Betreuerin. Die ehemalige Opernsängerin leidet unter Demenz. Wie alt sie ist, weiß sie nicht mehr, aber dass sie Jahrgang 1926 ist, fällt ihr auf Anhieb ein. Sie ist sich ihrer Gedächtnislücken bewusst und man spürt, dass sie ihr unangenehm sind. Ulrike Keßler drückt die alte Dame an sich und muntert sie auf: "Wir singen öfter zusammen". "Tun wir das?", fragt die Seniorin. Erinnern kann sie sich nicht.

Keßler nimmt gerade an einer Fortbildungsmaßnahme des Kreises zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen teil. Nach der zweimonatigen Schulung wird sie als Betreuungsassistentin in der Pflege arbeiten können. Dass der Umgang mit Demenzkranken mitunter frustrierend und traurig sein kann, ist ihr während des dreiwöchigen Praktikums klar geworden. Man müsse Geduld und Spaß mitbringen. Keßler, seit eineinhalb Jahren ohne Job, hat bereits früher in der Pflege gearbeitet. Das sei ganz anders gewesen, weil Waschen, Anziehen und Füttern im Vordergrund standen und nicht die Beschäftigung mit Heimbewohnern.

Für Ihre Mitpraktikantin Bettina Führs-Weber, seit viereinhalb Jahren ohne feste Stelle, ist es das erste Mal, dass sie im pflegerischen Bereich tätig wird. Die ehemalige Abteilungsleiterin eines Kaufhauses musste sich erst daran gewöhnen, "mit dem Tod umzugehen, mit dem man hier ständig konfrontiert wird", sagt sie.

Es ist das erste Mal, dass der Main-Taunus-Kreis Assistenten für die Betreuung von Demenzkranken ausbildet. Ermöglicht wird dies durch das Pflegeweiterentwicklungsgesetz, das zur besseren Versorgung Demenzkranker zusätzliche Betreuungskräfte in der Altenpflege vorsieht. Dadurch steigt der Bedarf an Betreuern in Pflegeeinrichtungen. Insgesamt werden elf Betreuungsassistenten geschult. 9000 Euro investiert der Kreis laut Erstem Kreisbeigeordnetem Hans-Jürgen Hielscher (FDP) dafür.

Keine normale Pflege

In 180 Stunden theoretischem Unterricht und einem dreiwöchigen Praktikum lernen die Bewerber alles über den Umgang mit Demenzpatienten. "Dazu gehören Biografiearbeit, rechtliche Hintergründe, Datenschutz, Erste Hilfe und Ernährungsberatung", erklärt Waltraud Klein, für die Weiterbildung zuständige Fachfrau beim Kreis. In der Praxis heißt das singen, vorlesen, malen spazierengehen oder tanzen. "Mit normaler Pflege hat das nicht viel zu tun", sagt Führs-Weber.

Dass die Betreuungsassistenten übernommen werden, sei im Vorfeld geklärt worden, so Klein. "Wir wollten bedarfsgerecht qualifizieren und sind frühzeitig mit Altenpflegeeinrichtungen in der Region in Kooperation getreten". Eine davon sind die Taunusresidenzen in Bad Soden, in denen auch Gerlinde Kraus lebt. Insgesamt wird der Bedarf hier auf sechs Betreuungsassistenten für 115 Demenzpatienten geschätzt. Fünf Stellen sind bereits besetzt.

Um in den Genuss einer zusätzlichen Betreuung zu gelangen, müsse allerdings die Demenz diagnostisch nachgewiesen werden, sagt Eva Kober, Leiterin des Sozialtherapeutischen Teams der Taunusresidenzen. Nur dann zahlte die Pflegekasse. "Schöner wäre, man könnte allen Bewohnern eine zusätzliche Betreuung bieten".

Führs-Weber, die demnächst mit einer 75-Prozentstelle anfangen wird, empfand die Chance auf einen Neuanfang, den sie durch die Weiterbildung bekam, als "echten Lichtblick", wie sie sagt. Auch Keßler will künftig weiter mit Dementen arbeiten. "Von den Bewohnern bekommt man so viel positive Resonanz".

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