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Dieter Lange sitzt auf einem Hocker „Gral“, der mit Blattgold belegt und lackiert ist.

Kelkheim

Altes Handwerk in neuem Design

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Das Stadtmuseum in Kelkheim kürt Hocker „Gral“ zum Möbel des Jahres.

Üblicherweise sind es historische Stücke, die im Kelkheimer Museum zum „Möbel des Jahres“ gekürt und den Besuchern präsentiert werden: Ein Frankfurter Schrank aus der Werkstatt von Erwin Pleines war schon darunter. Der Kelkheimer Schreiner hatte die alte Tradition der prunkvollen Wäsche- oder Bekleidungsschränke aus dem Frankfurt des 17. und 18. Jahrhunderts in den 1970er Jahren wieder aufleben lassen. Einen Schreib- und Zeichentisch in Esche im Bauhausstil zeigte das Museum 2015. Er war das Gesellenstück von Karin Schade, der ersten Schreinergesellin im Main-Taunus-Kreis in den 1950er Jahren. Und an die Kelkheimer Möbelwerkstätte Kunz erinnerte im Jahr 2012 eine Glasvitrine mitsamt Anrichte, hergestellt im Jahr 1925.

2019 hat das Kelkheimer Stadtmuseum einen neuen Weg eingeschlagen. Das Möbel des Jahres stammt dieses Mal aus der aktuellen Kollektion „madeintaunus“ der Firma Lange Innenausbau und ist ein Hocker mit dem klingenden Namen „Gral“. Den Bezug zum sagenumwobenen „Heiligen Gral“ habe man bewusst hergestellt, sagt Firmengründer Dieter Lange und schwärmt: „Wir finden unseren Hocker einfach großartig.“

Das schlichte Möbelstück, für dessen Herstellung in feinporigem Nussbaumholz, geschlagen in Hornauer Gärten, ein ganzer Arbeitstag nötig ist, verbindet klassisches Handwerk mit modernem Design. Nachdem die Einzelteile des Hockers maschinengesteuert und passgenau zugeschnitten worden sind, kommt Handarbeit ins Spiel – beim Verleimen, Drechseln, Montieren, Schleifen, Ölen und Wachsen.

Der Schreiner Ulf Buhs drehe das Werkstück noch manuell auf der Drehbank, berichtete Lange. So entstehe eine fließende Form, die dem Auge und der Hand schmeichle. Buhs ist einer von ganz wenigen in Hessen, die das Drechslerhandwerk noch perfekt beherrschen. In Kelkheim ist er der einzige.

Als besondere Variante gibt es den „Gral“ auch mit einer fest verpressten Holzfaserplatte als Grundlage. Sie ist in Handarbeit mit feinem Blattgold belegt und mit Lack überzogen. Barockspiegel hatten früher einen auf diese Weise gefertigten Rahmen.

Im Ausland seien die „vergoldeten“ Hocker besonders begehrt, berichtet Dieter Lange. „Wir haben schon Anfragen aus Moskau und China bekommen.“ Auch auf Kreuzfahrtschiffen sei das exklusive Designmöbel aus Kelkheim zu finden. Der Hocker kann dabei vielfältige Funktionen erfüllen – ob an der Garderobe als Sitzgelegenheit beim Schuheanziehen, als Beistelltischchen neben dem Bett oder als Computerhocker. Knapp 1000 Euro muss man für die Nussbaumversion auf den Tisch blättern.

Im Kelkheimer Museum, das sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte der Möbelschreinereien in der Stadt beschäftigt, ist der Hocker „Gral“ der Firma Lange bis Ende des Jahres ausgestellt. Dazu gibt es Informationen über die Herstellung und über das moderne Design.

Das Schreinerhandwerk hat in Kelkheim lange Tradition. Mitte des 19. Jahrhunderts versuchten sich die ersten Familien im Nebenerwerb mit dem Bau von Möbeln. Holz gab es im Taunus, Kunden in den nahen Städten Frankfurt, Mainz und Wiesbaden. Nach und nach entstanden kleine Werkstätten, in denen vor allem Kommoden, Nachttische und Betten in Handarbeit gefertigt wurden. 1905 gab es in Kelkheim bereits 105 Schreinerbetriebe. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs begann die eigentliche Blüte der Branche. An jedem zweiten Haus in der Frankfurter Straße hing damals das Schild eines Möbelschreiners. Schlafzimmereinrichtungen waren deren Spezialitäten in den 1920er und 1930er Jahren. Später wurden Kelkheimer Möbel in der ganzen Welt berühmt. Der letzte Kaiser von Äthiopien, Haile Selassie, ließ sich seine Einrichtung mit Möbeln aus Kelkheim komplettieren.

Zum achten Mal werde mit dem „Gral“ ein Möbel des Jahres im Museum präsentiert, sagte Bürgermeister Albrecht Kündiger (Unabhängige Kelkheimer Wählerinitiative). „Damit dokumentieren wir, was Kelkheim als Möbelstadt ausgemacht hat und auch weiterhin ausmacht.“

Das Unternehmen

Im Jahr 1980 gründeten die Designer Dieter und Sabine Lange ihr Unternehmen Lange Innenausbau.

1990 zogen sie mit sechs Angestellten in die Räume der früheren Schreinerei Bender in der Hornauer Straße. Hergestellt werden passgenaue Einrichtungen sowie Massivholzmöbel.

2007 entwickelte Lange Innenausbau das Möbelprogramm „madeintaunus“. Das Unternehmen hat mittlerweile 24 Mitarbeiter.

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