Wiedersehen vor der Leinwand

Nidderau Preisgekrönter Regisseur Oliver Jahn präsentiert seinen ersten Kinofilm

Von JÖRG ANDERSSON

Das Erinnerungsvermögen verblasst. "Kleiner und ruhiger", sei er gewesen, meint Daniela Euler, gesteht aber ein, dass sie ihn schon als Raumpilot "Ijon Tichy" im Fernsehen nicht wiedererkannt habe. Nicole Stahlberg hat einige Eigenschaften des Besuchers offenbar besser abgespeichert: "Der war schon immer Tüftler und Erfinder", sagt die Schlosskellerbetreiberin.

Mittwochabend im Luxor-Foyer: zur Nidderau-Premiere seines ersten Kinofilms "Die Eisbombe" kehrte Regisseur Oliver Jahn an die Stätte seiner Jugend zurück. Windecken, Ostheim, Erbstadt - in drei Stadtteilen hat er gewohnt, war bei den Pfadfindern engagiert und hat hier seine erste Elektronik-Firma aufgebaut. "Viel aus dem Laden und von meinen Studenten-Experimente findet sich in der Science-Fiction-Serie wieder", sagt Jahn, dessen Auftritt rund 50 Bekannte in den roten Saal des Filmpalastes lockte.

Im Lebenslauf des 39-Jährigen Regisseurs taucht der Name Nidderau nicht auf. Aufgewachsen bei Frankfurt am Main heißt es. Mitschüler und Freunde aus Pfadfinderzeiten sahen ihn zufällig im Fernsehen und stöberten ihn im Internet auf. Nur gut eine Woche war die Vorlaufzeit für die kurzfristig eingeschobene Filmvorführung. "Vermutlich hätten wir sonst noch mehr Leute mobilisieren können", sagt Nicole Stahlberg, die seit 2002 das Szenelokal in Windecken betreibt. Dort sind am morgigen Sonntag ab 22 Uhr noch einmal die sechs Staffeln der je 15minütigen Kosmonauten-Komödie zu sehen, die vor zwei Jahren mit Jahn und Nora Tschirner als Hauptdarsteller um Mitternacht im ZDF liefen.

Trotz Nischenplatz und Low-Budget errang sie Kultstatus, erhielt 2007 den Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises und 2008 eine Nominierung für den Grimme-Preis. Derzeit arbeitet Jahn an der Fortsetzung der Trash-Serie, frei nach dem literarischen Vorbild der Sterntagebücher Stanislaw Lems.

Hysterisches Muttersöhnchen

In Gießen studierte er Kommunikations- und Informationstechnik. 1995 setzte sich die künstlerische Ader durch, und Jahn wechselte an die Universität der Künste in Berlin. Nebenher arbeitete er als Cutter und Kameramann und kreierte die ersten Kurz- und Spielfilme. Sein im August angelaufenes Kinodebüt "Die Eisbombe" war zugleich die Abschlussarbeit an der Deutschen Film und Fernsehakademie: eine bitterböse Komödie über Öko-Hysterie und ein überbehütetes Muttersöhnchen.

Im Film liefert das Emsland die Kulisse für Kleinstadtmief und Spießbürgertum. "Natürlich verarbeitet man als Regisseur auch eigene Lebenserfahrungen", erzählt Jahn, der seine Jugendzeit in guter Erinnerung hat. "Ich war immer für Nidderau und bin hier schweren Herzens weggegangen", versichert er. Darüber hinaus sei allerdings schon immer Berlin ein zentraler Lebensmittelpunkt gewesen. Geschwister und Verwandte wohnen dort, schon als Kind verbrachte er die Ferien bei Oma in der Großstadt. Beim Abstecher nach Nidderau beschäftigt ihn auch die Frage, was aus ihm geworden wäre, wenn er hier geblieben wäre. Ohne Piloten-Phantasie denkt er an seine Elektro-Firma.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare