Nicht nur auf der Treppe ist Literatur allgegenwärtig.
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Nicht nur auf der Treppe ist Literatur allgegenwärtig.

Das Wohnzimmer als Bühne

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Hanau Jutta Wilke und Reiner Bewersdorff bieten Kultur in privater Atmosphäre

Hermann Hesse“ ist auf einer Treppenstufe zu lesen, weiter oben „Das Glasperlenspiel“ und „Jean-Paul Sartre“, an den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotografien der Protagonisten der Weltliteratur. Im Wohnzimmer steht, in Form von Holzbuchstaben, ein Brecht-Zitat: „Erst das Fressen, dann die Moral.“ Und, in lateinischer Sprache, ein Zitat, das Cicero zugeschrieben wird: „Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele.“

Literatur und Kunst sind allgegenwärtig im Haus von Jutta Wilke und Reiner Bewersdorff, das im Eschenweg im Tümpelgarten steht. Doch an sechs Abenden im Jahr wird hier Kunst auf besondere Weise lebendig. Dann laden die Kinder- und Jugendbuchautorin und der Schreiner zu Kulturveranstaltungen ein – und zwar in ihr Wohnzimmer. „Kultur Werk statt“ heißt ihr Projekt. Es bietet – unter anderem – szenisch und musikalisch untermalte Lesungen. In der großen Stube des Hanauer Paares ist Platz für etwa 40 Gäste.

Auf die Idee kam Wilke in Solingen: „Dort packt Stefanie Leo einmal im Monat Autoren in ihren Ohrensessel“, sagt Wilke. Leo leitet die „Bücherkinder“-Redaktion, in der Mädchen und Jungen neue Werke für Kinder und Jugendliche rezensieren. Wilke war sofort fasziniert von der „Kammerliteratur“: „Sonst gehen die meisten Besucher nach einer Lesung gleich nach Hause. In einem privaten Rahmen hingegen kommt man viel besser ins Gespräch“, sagt Wilke. Der Kontakt zwischen Künstler und Publikum ergebe sich beinahe automatisch.

„Mit unserem Projekt wollen wir die Salon-Kultur wiederbeleben“, sagt Bewersdorff, der ein begeisterter Leser ist und lange in Berlin gelebt hat. In Zeiten, in denen städtische Kulturetats gekürzt werden, sei es „sehr wichtig, dass Bürger private Initiativen starten“. Die Künstler, die im Eschenweg auftreten, bekommen ein Honorar. Wilke kennt viele Autoren persönlich.

Das hilft ihr, sie für eine Lesung in ihr Zimmer zu holen. Der Eintrittspreis solle lediglich Unkosten decken, sagen Wilke und Bewersdorff. Ihr Ziel sei es, das Kulturleben in Hanau zu bereichern.

Die erste Lesung im April war ein Erfolg, das Wohnzimmer ausverkauft. Der Abend war Erich Kästner gewidmet. Wilke und Bewersdorff schlüpften in die Kluft der 1920er Jahre und lasen Passagen aus Kästners Werk. Ein Pianist spielte Musik aus dieser Zeit, und es gab einige Köstlichkeiten aus der Küche von Wilke und Bewersdorff. Um 20 Uhr ging es los, die letzten Gäste gingen um halb zwei.

Anfang Juli kommt der Schriftsteller Hubert Schirneck, der Geschichten sowohl für Kinder als auch für Erwachsene schreibt. Anfang Juni stellt das Erfurter Autoren-Paar Ingrid und Ulf Annel Schiller vor. Doch für diese Veranstaltung sind bereits alle Plätze vergeben. „Wir könnten wohl noch einige Karten mehr verkaufen, werden es aber nicht tun“, sagt Bewersdorff. Denn: „Der Rahmen soll privat bleiben.“

Weitere Infos gibt es unter www.kulturwerk-statt.de. Kommende Woche beginnt der Vorverkauf für die Lesung von Hubert Schirneck am 4. Juli. Karten gibt es im Buchladen am Freiheitsplatz.

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