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Dünne Wände und keine Decke: In den Zimmern der Unterkunft in Nidderau-Heldenbergen ist es nie still.

Nidderau

Wohnen ohne Tageslicht und Privatsphäre

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Geflüchtete in Niderau müssen seit Jahren in einer umgebauten Halle leben.

Als kürzlich das „New Café“ in der Flüchtlingsunterkunft in Heldenbergen eröffnet wurde, ging es ausgelassen zu: Es gab viel Besuch, leckere Häppchen und Rap-Einlagen. Auch Ali freute sich: „Wir haben jetzt einen Platz, um uns mit Freunden zu treffen.“ Mit dem ebenfalls aus Afghanistan stammenden Jawad, anderen Bewohnern und Ehrenamtlichen von der Flüchtlingshilfe haben sie das Café aufgebaut und sind stolz darauf, sagt Jawad, der sein Können als Malermeister einbrachte. Helfer Rolf-Dieter Baer bezeichnete den neuen Treffpunkt als „etwas ganz Besonderes“, lobte Eigeninitiative und Teamarbeit.

Es fielen aber auch deutliche Worte: „Die Unterkunft muss geschlossen werden“, sagte die Vorsitzende der Nidderauer Flüchtlingshilfe, Kirsten Ohly. Das „New Café“ dürfe nur eine Zwischenstation sein. Ohly kritisierte „eklatante Verstöße“ gegen Menschenrechte wie das Recht auf Privatsphäre. Im Hinblick auf Konfliktprävention sei die Unterkunft „höchst bedenklich“ und „unverantwortlich“ im Hinblick auf die Traumata der Geflüchteten.

Ein Teil von ihnen lebt seit etwa drei Jahren in der früheren Halle einer Möbelfirma. Sie wurde Anfang 2016, als viele Geflüchtete Schutz suchten, als Provisorium eröffnet – und existiert immer noch. Mit allen Missständen: Es gibt so gut wie keine Fenster, weshalb kaum Tages-, sondern kaltes Neonlicht leuchtet. Die engen Wohneinheiten sind nur durch dünne Wände getrennt, haben keine Decke so dass man jeden und alles hören kann. Koch-, Wasch-, Duschgelegenheiten sind rar. Im Sommer ist es stickig. Derzeit leben hier rund 60 zumeist jüngere Männer, phasenweise waren es um die 100.

Ali macht gerade eine Ausbildung zum Lkw-Fahrer. Er ist froh über die Chance, steht früh auf und lernt. Der Afghane will nicht klagen, kann aber nicht verschweigen, dass es hier „sehr oft laut ist“ und man nicht zur Ruhe kommen kann. Jawad, der als Maler arbeiten will und die Zeit bis dahin mit einem Supermarkt-Job überbrückt, geht es genauso. „Ich möchte schnell hier raus.“ Auf Dauer sei es sehr schwer und nur dank der Ehrenamtlichen auszuhalten. Eine Wohnung sucht Jawad seit langem vergeblich.

Andere Geflüchtete und Helfer berichten von zwangsläufigen hygienischen Problemen und heftigen Konflikten, etwa um Ruhezeiten; von Bewohnern, die in ihrer Perspektivlosigkeit viel Alkohol trinken und unter schweren psychischen Problemen leiden.

Das Stadtparlament hat beschlossen, die Unterkunft aufzulösen. Aber wann? Nidderaus Erster Stadtrat Rainer Vogel (Grüne) sagt, er hätte die Betroffenen liebend gern längst dezentral untergebracht, doch das sei schlicht nicht möglich gewesen. Zum einen laufe bei einem Teil von ihnen noch das Asylverfahren, weshalb sie nicht einfach umziehen könnten. Zum anderen seien die städtischen Wohnungen alle belegt, während Privateigentümer mitunter nicht an Geflüchtete vermieteten. Deshalb investiert die Stadt 1,5 Millionen Euro für Sozialwohnungen auf eigenen Grundstücken. Etwa 60 Einheiten sind das Ziel, für Flüchtlinge und andere Bedürftige. Vogel geht davon aus, dass die Unterkunft auch dank der Neubauten „Ende 2019, spätestens Mitte 2020“ nicht mehr notwendig ist.

Der Stadtrat räumt ein, dass die Bedingungen dort „alles andere als einfach sind“, weist aber darauf hin, dass der Main-Kinzig-Kreis die Bleibe für 140 Geflüchtete genehmigte und sie die Kriterien, beispielsweise bei der Zimmergröße, erfülle. Zudem seien Sozialarbeiter und ein Sicherheitsdienst vor Ort. Die Stadt tue ihr Möglichstes: „Wir haben zum Beispiel bereits in Erbstadt und Windecken günstigen Wohnraum geschaffen, auch für Flüchtlinge.“

Marion Bayer, die sich unter anderem im Flüchtlingscafé in der Hanauer Metzgerstraße engagiert, kennt Bewohner aus Heldenbergen und ihre Lage. Sie bezeichnet die Umstände als unfassbar schlecht. Selbst wenn die Vorgaben des Kreises eingehalten würden – es handele sich um absolute Mindestanforderungen, die zumindest auf Dauer unmenschlich seien. Bayer betont: „Drei Jahre sind eine sehr lange Zeit.“ Und die Stadt Nidderau verspreche fast genauso lange, die Unterkunft zu schließen. Bayer hält die Situation auch wegen der fehlenden Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten für untragbar – gerade für diejenigen, „die auf der Flucht Opfer von Gewalt wurden“.

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