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Wo die wilden Mönche lebten

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Von: Gregor Haschnik

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Früher wohnten US-Soldaten in diesen Häusern.
Früher wohnten US-Soldaten in diesen Häusern. © Alex Kraus

Der Hanauer Stadtteil Wolfgang hat eine bewegende Geschichte - obwohl viele ihn nur als Militärstandort kennen. Die Journalistin Ilse Werder schreibt nun ein Buch über die Geschichte von der Römerzeit bis heute.

Eines Tages wurde ein Förster und Trompeter mit dem Namen Hasenfuß in der Bulau von Wölfen angefallen. Und in letzter Sekunde gerettet. Um Gott zu danken, gründete er an der Stelle ein kleines Kloster. Dieses wurde aber kein frommer Ort: Die Mönche errichteten dort eine Wirtschaft und führten ein wildes, ausschweifendes Leben, sie veranstalteten Saufgelage und fielen über Bauerntöchter her. Jahrhunderte später wurde in der Nähe in einer großen Fabrik Schießpulver produziert. Dabei kam es häufig zu Explosionen. Viele junge Mädchen wurden dabei getötet. Anderen färbte Säure die Haut und Finger gelb, woraufhin sie als „Kanarienvögel“ verspottet wurden.

Von der Römerzeit bis heute

Das und noch viel mehr hat sich in Wolfgang ereignet: „Wer denkt, dass Wolfgang nur ein alter, uninteressanter Militärstandort ist, irrt gewaltig“, sagt Ilse Werder. „Der Stadtteil ist geschichtsträchtig.“ Dieser Eindruck hat sich bei der Journalistin im Zuge ihrer Recherchen für ihr neues Buch verfestigt: Die Hanauerin arbeitet an einem Werk über die Geschichte Wolfgangs. Mindestens 120 Seiten und viele Fotografien soll das Buch enthalten, ein Drittel davon hat Werder bereits geschrieben. Spätestens am 1. Juli will sie ihrem Auftraggeber, dem Geschichtsverein Wolfgang, das fertige Manuskript übergeben. Danach wollen sie gemeinsam einen Verlag suchen.

Werder hat die Geschichte Wolfgangs von der Römerzeit bis heute recherchiert. Sie widmet sich nicht nur dem Kloster und der Pulverfabrik, sondern – unter anderem – auch der Verbindung des Dichters Grimmelshausen zu Wolfgang, der von den Nazis geförderten Kunstlederproduktion, dem Einmarsch der US-Amerikaner und dem Degussa-Konzern. Darüber hinaus stellt Werder interessante Persönlichkeiten und Vereine aus dem Stadtteil vor.

Berichte von Zeitzeugen

Für das Buch hat sie Archive und Chroniken durchforstet und mit Zeitzeugen gesprochen. Mehrere von ihnen kommen selbst zu Wort. Eine Frau mit türkischen Wurzeln erzählt die Geschichte einer Einwandererfamilie. Eine andere Zeitzeugin beschreibt, wie sie die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Eine weitere Bürgerin schildert, wie sie kurz nach dem Krieg Hafer aus einem Depot der Amerikaner klaute und nur knapp dem Tod entging: Ein Soldat wollte sie erschießen, doch sein Kamerad hielt ihn davon ab.

Werder ist selbst Zeitzeugin: Als langjährige Redakteurin der Frankfurter Rundschau war sie bei vielen Ereignissen dabei und hat darüber berichtet. Sie war im „Atombunker“ in Wolfgang, hat die Demonstrationen gegen Kernenergie begleitet und in den 1970er Jahren die heftigen Debatten vor der Verwaltungs- und Gebietsreform verfolgt. Werder blickt jedoch nicht nur zurück. Wie wird sich Wolfgang im Zuge der Konversion entwickeln? Auch mit dieser Frage setzt sie sich auseinander.

Was sie bei diesem Projekt antreibt? „Das Buch“, sagt Ilse Werder, „soll einen Beitrag dazu leisten, die Identität des Stadtteils zu stärken.“

Bürger, die Wissenswertes über die Geschichte Wolfgangs zu berichten haben, können Ilse Werder per E-Mail (ilsewerder@web.de) kontaktieren.

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