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Das Handwerk ringt um Nachwuchs, der Fachkräftemangel wird zum wachsenden Problem.

Main-Kinzig-Kreis

Handwerksmeister schlägt Alarm

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Jeder zweite Elektriker-Azubi fällt durch die Winterprüfung.

Eigentlich ist die Freisprechungsfeier in der Welt des Handwerks ein Tag der Freude: Gesellenbriefe werden übergeben, Prüfungsbeste geehrt, es gibt warme Worte der Anerkennung und viele gute Wünsche für eine strahlende Zukunft auf goldenem Boden.

Was aber Walter Ebert, Obermeister der Innung für Elektro- und Informationstechnik im Main-Kinzig-Kreis, nach der Freisprechungsfeier der Elektriker in einer Mitteilung zu sagen hat, liest sich eher wie ein Alarmruf, ein Brandbrief. Anlass: Bei der Winterprüfung ist jeder zweite der Elektriker durchgerasselt, 48 Prozent hätten die Anforderungen nicht erfüllt. Von den 44 zur Prüfung gemeldeten Teilnehmern hätten 21 die Prüfung nicht bestanden.

Grund für die schwache Bilanz seien keineswegs gestiegene Anforderungen, stellt Ebert klar. Vielmehr habe es an den Auszubildenden selbst gelegen. „Vielen war es regelrecht egal. Man hat sich nicht angestrengt. Man hat für die Prüfung nicht gelernt“, so Ebert schonungslos. Es liege nicht an fehlender Nachhilfe in Problemfächern, sondern „am Willen der Auszubildenden, etwas zu lernen“. Die ersten Monate in der Ausbildung würden zum Training von Sozialverhalten gebraucht. „Wir schlagen uns mit Problemen herum, das glaubt man gar nicht“, nimmt Ebert gegenüber der FR kein Blatt vor den Mund.

Es gebe bei den jungen Leuten oft nicht nur Defizite beim Lesen, Schreiben und Rechnen, es mangele an Pünktlichkeit, Verlässlichkeit bis hin zu fehlenden Umgangsformen. „Wir sammeln nur noch auf“, so der Obermeister bitter über die 16-, 17-jährige Klientel mal mit, mal ohne Hauptschulabschluss. Gute junge Leute würden einen Ausbildungsplatz etwa bei Fraport, Evonik oder Heraeus annehmen, die würden auch besser zahlen.

Das Ausbilden aufgegeben

Kleinere bis mittlere Handwerksbetriebe fänden dagegen keinen geeigneten Nachwuchs mehr, blieben auf der Strecke. „Ich kenne so viele kleine Betriebe, die das Ausbilden aufgegeben haben“, klagt Ebert. Dabei brumme die Wirtschaft, viele Betriebe könnten noch mehr Aufträge annehmen. „Wie wollen wir denn die Digitalisierung hinkriegen, wenn wir keine Fachkräfte haben?“, fragt er verzweifelt. „Der Nachwuchsmangel bremst das Geschäft. Es ist absurd. Fachwissen und handwerkliches Know-how gehen sehr schnell verloren.“

Auch dem CDU-Landtagsabgeordneten Hugo Klein, selbst langjähriger Lehrer für Metallberufe an berufsbildenden Schulen und seit Jahrzehnten Gast der Freisprechungsfeiern im Kreis, sei so ein Prüfungsergebnis noch nicht untergekommen, sagt er. Einen allgemeinen Trend zu Faulheit und Desinteresse sehe er zwar nicht, betrachte die Entwicklung aber mit Sorge.

Klein sieht auch jahrzehntelange gesellschafts- und schulpolitische Versäumnisse, wie etwa die mangelnde Anerkennung von Handwerksberufen. „Es hat sich die Auffassung breitgemacht, dass der Mensch nur mit Abitur vollwertig ist. Ich sehe da noch ganz große Probleme auf uns zukommen.“

Viele Kinder würden durch die Gymnasien gequält, um ein späteres Studium dann abzubrechen. Es gehöre mehr Berufsorientierung in die Schulen und Lehrpläne, es brauche mehr Betriebspraktika, fordert Klein.

Dem stimmt der Obermeister der Elektriker zu: Die meisten Eltern wünschten sich heute ihre Kinder in die Hörsäle der Universitäten und nicht im Blaumann auf eine zugige Baustelle. „Und wenn eine Lehre, dann bitte schön am besten in einer Bank oder Verwaltung“, sagt Ebert.

„Es muss in die Köpfe rein, dass das Erlernen eines Handwerks keine Sackgasse ist“, appelliert er. Es könnten sich die Techniker- oder Meisterprüfung bis hin zum Ingenieurstudium anschließen. „Das ist doch die Stärke unseres einzigartigen Systems der dualen Ausbildung, um das uns alle Welt beneidet“, sagt Ebert, der auch mit der Politik abrechnet: „Kaum ein Politiker, der nicht die Vorzüge des Handwerks preist, seine Zuverlässigkeit, seine Bedeutung als Arbeitgeber vor allem im ländlichen Raum. Viele dieser Sonntagsreden sind kaum mehr als Wirtschaftsfolklore.“

Aber es gibt auch Lichtblicke: 61 junge Gesellen haben laut Mitteilung der Kreishandwerkerschaft Hanau jetzt ihre Gesellenbriefe entgegengenommen. Darunter waren Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Dachdecker, Maler und Lackierer, Metallbauer sowie Kaufleute für Büromanagement.

Insgesamt hatten sich 78 Auszubildende den Winter- und Sommerprüfungen gestellt. Mit einer Durchfallquote von 21,8 Prozent seien alle Verantwortlichen zufrieden, heißt es.

„Das Gros derjenigen, die im ersten Anlauf nicht bestanden haben, schafft es im zweiten“, beschwichtigt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft des Main-Kinzig-Kreises, Axel Hilfenhaus.

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