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Manche Menschen sehen die Wörter vor lauter Buchstaben nicht.
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Manche Menschen sehen die Wörter vor lauter Buchstaben nicht.

Analphabeten

Wenn Erwachsene nicht lesen können

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Jeder zwanzigste Deutsche kann nicht lesen und schreiben. Und darunter sind nicht nur Menschen aus der Unterschicht. Im Alltag können sie ihr Handicap oft gut kaschieren.

Der erste Schritt ist immer am schwersten: Groß ist die Scham, gewaltig die Überwindung, bevor sich Menschen, die gar nicht oder nicht richtig lesen und schreiben können, zur Beratung wagen. „Manche haben regelrechte Angstzustände“, sagt Kursleiterin Hildegard Kaschuba-Karl. Am kommenden Mittwoch ist wieder ein Termin, wo sich Analphabeten bei der Volkshochschule (VHS) Hanau über die Angebote informieren können, die ihnen helfen sollen, sich aus ihrer unangenehmen Lage zu befreien. Sorge, durch eine Kursteilnahme „geoutet“ (bloßgestellt) zu werden, müsse dabei niemand haben: „Wir garantieren absolute Anonymität“, sagt Uwe Hansen, stellvertretender Leiter der VHS.

Er schätzt, dass allein in Hanau mindestens 4500 Menschen – fünf Prozent der 90000 Einwohner – nicht lesen und schreiben können; bundesweit sind es vier Millionen. Und es handelt sich dabei keineswegs nur um Migranten, auch viele Deutsche sind beim Umgang mit Buchstaben überfordert. Die Gründe sind vielfältig, erzählt Kursleiterin Kaschuba-Karl: „Einige Teilnehmer haben in ihrer Kindheit chaotische Familienverhältnisse erlebt. Andere kamen durch lange Krankheitsphasen im Unterricht nicht mehr mit. Bei manchen wurde eine Seh- oder Hörschwäche nicht erkannt. Auch Umzüge können dazu führen, den Anschluss zu verlieren, weil in der Schule eine Bezugsperson fehlt.“

Auch Mittelstand ist betroffen

Betroffen seien zudem keineswegs nur Menschen aus bestimmten sozialen Milieus: „Es sind auch Leute aus dem Mittelstand dabei, deren Partner eine qualifizierte Ausbildung hat und dann oft die treibende Kraft ist, einen Kurs zu besuchen“, erzählt Kaschuba-Karl. Im Alltag fallen viele Analphabeten nicht auf – auch, weil sie sich eine hervorragende Merkfähigkeit antrainiert haben: „Beim Memoryspiel wären wir alle gegen einen Analphabeten chancenlos“, sagt die Pädagogin. Abgehängt sind sie dennoch: Schilder, Zeitung, Internet, Beipackzettel oder Speisekarten bieten für sie keine Informationen.

Unter den Teilnehmern gebe es beim Wissensstand große Unterschiede, sagt sie: Einige kennen durchaus Buchstaben, können sie aber nicht richtig zusammenfügen. Andere, oft Menschen ausländischer Herkunft, kommen mit null Kenntnissen – weil sie die lateinische Schrift noch nie gesehen oder aber nie eine Schule besucht haben, wie einige Türkinnen und Thailänderinnen, die derzeit die Kurse der VHS besuchen.

Weil die Voraussetzungen so unterschiedlich sind, arbeitet Kaschuba-Karl nur mit kleinen Gruppen von acht Leuten und nach keiner fest gelegten pädagogischen Methode. Unterricht findet zweimal pro Woche statt. „Mindestens drei Jahre“ dauere es, bis jemand lesen und schreiben kann. Es gebe „tolle Erfolge“, aber auch einige, die aufgeben. Uwe Hansen, zuständig für den Programmbereich Deutsch, geht davon aus, dass in Zukunft die Nachfrage steigen wird: „Ich glaube, dass sehr viele Jugendliche zu uns kommen werden, die die Schule abgebrochen haben.“

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