Hanau

Der Wein und die ’Ndrangheta

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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In Hanau stehen vier mutmaßliche Mafiosi vor Gericht: Sie sollen Wirte im Rhein-Main-Gebiet erpresst haben. Sie bestreiten die Vorwürfe - und ein Zeuge relativiert seine eigene Aussagen.

An einem Sonntag hatte der Hanauer Wirt genug. „Ich habe mich bedroht gefühlt“, sagt er. Der Italiener spricht nicht mit breiter Brust. Er ist etwas in sich gekehrt, wägt seine Worte im Landgericht ab. Sagt, dass er aufgeregt sei, so wie an jenem Tag: Drei Männer sollen sein Restaurant aufgesucht haben: die Angeklagten Antonio S., Giovanni C. und ein unbekannter Dritter. Letzterer habe den Hanauer mit Worten unter Druck gesetzt. Wie genau, wisse er nicht mehr, sagt der Wirt. Aber es sei so eindeutig gewesen, dass er die Männer rausgeworfen und gesagt habe: „Kommt nicht mehr, oder ich hole die Polizei!“ Sie wollten ihn demnach zwingen, ihnen Wein abzukaufen. Zuvor soll er den Männern schon Ware abgenommen haben, einmal für etwa 900 Euro, einmal für 350 Euro. Doch nur an jenem Sonntag habe er sich bedroht gefühlt, sagt der Zeuge.

„Ihre Aussage bei der Polizei liest sich ganz anders“, sagt Staatsanwalt Thomas Geschwinde. Der Restaurant-Betreiber habe zum Beispiel gesagt, dass ihm bereits beim Kennenlernen klar gewesen sei, dass diese Händler Zwang ausübten. Er habe den Wein nur gekauft, um keine Probleme zu bekommen. „Erschießt mich, dann ist die Musik zu Ende“, habe der Wirt in einem Telefongespräch zu C. gesagt. „Haben Sie Angst, dass Ihnen nach ihrer Aussage etwas passieren könnte?“, fragt Richter Dietmar Jorda den Zeugen. „Ja“, antwortet er.

Vier mutmaßliche Mitglieder der ’Ndrangheta – der jüngste ist 28, der älteste 55 Jahre alt – müssen sich zurzeit vor dem Landgericht verantworten. Die Kalabresen sollen in diesem und im vergangenen Jahr Wirte aus dem Rhein-Main-Gebiet erpresst haben, indem sie sie zwangen, überteuerten Wein zu kaufen. Zudem wirft die Staatsanwaltschaft den Angeklagten die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Drogenhandel und unerlaubten Waffenbesitz vor. Der Handel mit Wein soll dazu gedient haben, den Verkauf von Drogen zu kaschieren. Bei Durchsuchungen hatten Ermittler Waffen, Munition und mehrere hundert Gramm Kokain sichergestellt.

Nach Angaben von Geschwinde sprechen die Indizien dafür, dass die Männer der ’Ndrangheta angehören. Der angeklagte Mario B. soll den Angaben zufolge eine führende Rolle gespielt haben.

In einer Erklärung, die sein Verteidiger verlas, gab B. an, er habe mit Wein gehandelt, aber niemals Restaurant-Betreibern gedroht. Antonio S, Giovanni C. und auch ein gewisser Diego F. – dessen Vater laut Staatsanwalt umgebracht wurde und ein Mafia-Mitglied war – hätten Wein von B. gekauft und dann weiterverkauft. Der Hanauer Wirt sei nie Kunde von B. gewesen. B. räumte ein, mit einem anderen Auto eine Holland-Fahrt von Diego F. begleitet zu haben. Allerdings sei er davon ausgegangen, dass F. dort Wein und Sekt beschaffen wollte. Im Wagen, in dem F. saß, fanden Ermittler große Mengen Kokain. F. kam schnell wieder frei – was Verteidiger der Angeklagten kritisieren. Wo sich F. aufhält, ist unklar.

Antonio S. sagte ebenfalls aus, dass er unschuldig sei. Der Hanauer Wirt habe die Flaschen freiwillig zu üblichen Preisen gekauft. Auch Luigi F., bei dem eine Waffe, Munition, Kokain und Fälscherwerkzeug gefunden worden waren, bestritt die Vorwürfe. Die sichergestellten Dinge habe er für Diego F. deponieren müssen. Da sie zunächst in einem Sack waren, habe er zunächst nicht gewusst, um was es sich handelte.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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