Kundgebung gegen rechten Terror am Bahnhofsvorplatz in Wächtersbach.
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Kundgebung gegen rechten Terror am Bahnhofsvorplatz in Wächtersbach.

Wächtersbach

Ein Jahr nach dem rassistischen Attentat: Bilal M. leidet unter den Folgen - Opferhilfe mangelhaft

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Ein Jahr nach dem rassistischen Attentat in Wächtersbach kämpfen Bilal M. und seine Familie mit den Folgen. Dabei sind sie oft auf sich alleine gestellt.

  • In Wächtersbach wird ein 27-Jähriger zum Ziel eines rassistischen Attentats.
  • Das Opfer leidet noch heute an den Folgen.
  • Staatliche Opferhilfe ist mangelhaft.

Gemütlich haben sich Bilal und seine Frau Nadia ihre Wohnung eingerichtet. Im Wohnzimmer steht eine große weiche Couch, auf den Tisch davor haben sie Wasser und Tee gestellt. So sehr das Sofa zum Entspannen einlädt, so bequem es auch ist – Bilal M. spürt die Schmerzen, die er nicht loswird, nimmt sich ein Kissen und legt es zwischen sich und die Lehne. Der ruhige 27-Jährige mit dem milden Lächeln trägt ein Fußballtrikot, ein Geschenk, doch vom Sporttreiben ist er weit entfernt. „Ich habe Rückenschmerzen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Atemprobleme“, sagt der junge Mann leise, der 2012 aus Eritrea, wo ein totalitäres Regime herrscht, nach Deutschland flüchtete.

Nadia bittet ihn, etwas Wasser zu trinken. Das Essen bereitet ihm auch Probleme, weil die Verdauung nicht richtig funktioniert. Und nicht zuletzt ist da diese Angst. Bilal muss st��ndig Schmerz- und Schlafmittel nehmen, „ohne kann er nicht die Augen zumachen“, sagt Nadia. Gerne würde Bilal mit ihr und ihrem Kind in einem Zimmer schlafen, aber es geht nicht, denn Ruhe findet er meistens nur für kurze Zeit: „Nachts schrecke ich auf.“ Immer wieder wird er aus dem Schlaf gerissen.

Wächtersbach: „Nachts schrecke ich auf“

Dann kommen die Bilder und Erinnerungen vom 22. Juli 2019 wieder. Jenem Montag, an dem Bilal aus rassistischen Motiven, nur wegen seiner Hautfarbe, von Roland K. aus einem Auto heraus angeschossen und lebensgefährlich verletzt wurde. Kurz vorher hatte der 55-Jährige das Attentat in seinem Stammlokal in Biebergemünd angekündigt. Niemand rief die Polizei.

Nach der Tat begeht K., Mitglied in einem Wächtersbacher Schützenverein, Suizid. Sein Abschiedsbrief spiegelt die zutiefst rechtsextremen und menschenverachtenden Ansichten wider, aus denen er schon vorher keinen Hehl gemacht hat.

Kundgebung gegen Rassismus und rechten Terror in Wächtersbach, ein Jahr nach dem rassistischen Anschlag auf den eritreischen Geflüchteten Bilal.

Bilal wird nach den Schüssen bald bewusstlos und wacht erst am Dienstag wieder auf. Was zuvor passiert ist, brennt sich in sein Gedächtnis ein: Er geht von seinem Ausbildungszentrum nach Hause, die Hitze glüht. Am Telefon hat er sich mit Nadia zum Mittagessen verabredet und gesagt, er sei gleich da. Irgendwann „hörte ich, wie ein Auto bremste, sonst nichts, und gleich danach die Schüsse“. Er spürt, wie der erste Schuss sein Haar und seinen Kopf streift. „Es fehlte nicht viel und ich wäre tot gewesen.“ Die nächsten drei Kugeln schlagen in seinem Bauch ein. Er läuft davon, in der Nähe einer Firma findet er Leute, die ihm helfen. Als Bilal noch bei Bewusstsein ist, ruft er Nadia an. Weil er sie nicht schockieren will, sagt er nur, er habe Schwindelgefühle und Kopfschmerzen, müsse ins Krankenhaus. Sie solle ihm bitte seine Versichertenkarte bringen.

Rassistischer Anschlag in Wächtersbach: „Ich habe es nicht verstanden“

Später versucht Nadia immer wieder, ihn zu erreichen. Vergeblich. Er kann nicht mehr ans Telefon gehen. In der Klinik sagt man ihr schnell, Bilal sei angeschossen worden und werde gerade notoperiert. „Ich habe es erst nicht verstanden und konnte es auch nicht glauben“, erinnert sich Nadia mit Tränen in den Augen. Aufgefangen und intensiv betreut wird sie nicht. Wenig später kommt die Kriminalpolizei und stellt viele Fragen zu Bilal.

Er bleibt mehr als zehn Tage auf der Intensivstation und gewinnt seinen Überlebenskampf. Nadia, eine starke Frau, kann in diesen Tagen manchmal nicht mehr. Kurz nach dem Mordversuch findet sie in ihrem Briefkasten einen anonymen Brief. Auf dem Zettel hieß es sinngemäß, sie solle aufpassen, Verwandte des Attentäters, darunter der Bruder, seien noch da. Eine Warnung oder eine Drohung?

So oder so verschärfen die Worte die Ängste. Nadia informiert die Polizei, die aber nicht gegen die Verwandten vorgehen könne, solange ihnen nichts Konkretes vorzuwerfen sei. Bilal und Nadia klagen nicht. Sie loben ihren Hausarzt und die netten Nachbarn, sind dankbar dafür, dass die Städte Wächtersbach und Hanau ihnen Wohnraum vermittelt haben und ein Mitglied der Wächtersbacher Kolping-Familie, in der Bilal sich eingebracht hat, sie unterstützte.

Doch wenn man nachfragt, wird klar, dass sich die staatliche Opferhilfe in sehr engen Grenzen hielt und sie vieles weitgehend alleine bewältigen müssen. Nur fünf Termine zur Gesprächstherapie hat Bilal zum Beispiel bekommen und keine Reha gemacht, eine finanzielle Unterstützung gab es bislang offenbar auch nicht. Ein Mitglied der Landesregierung hat sie nach dem Anschlag besucht, danach allerdings nichts mehr von sich hören lassen.

Anschlag in Wächtersbach: „Viel mehr geht wegen der Schmerzen nicht“

Eine umfassende, nachhaltige Therapie wäre auch deshalb wichtig, weil Bilal sonst wohl für immer auf Medikamente angewiesen wäre, mit allen Nebenwirkungen.

Der 27-Jährige musste seinen Traum von einer Ausbildung zum Bäcker aufgeben, weil er körperlich nicht in der Lage dazu ist und nicht alleine aus dem Haus geht, schon gar nicht bei Dunkelheit, sagt Bilal. Tagsüber „gehen wir etwa zehn Minuten spazieren, viel mehr geht wegen der Schmerzen nicht“, fügt Nadia hinzu.

Sie hat Berufserfahrung in der Pflege gesammelt, ihr Schulabschluss und ihre Sprachkenntnisse sind anerkannt. Eine Ausbildung kann sie derzeit jedoch nicht machen, weil ihr Kind keinen Kita-Platz bekommen hat.

Bilal überlegt, welchen Beruf er ergreifen könnte. Doch am Wichtigsten ist jetzt, gesund zu werden, die Schmerzen und Ängste zu lindern. Die Wunden, körperlich wie seelisch, sind tief. Es braucht Zeit. Die Tat und ihre Sinnlosigkeit machen Bilal nach wie vor fassungslos. Niemals hätte er mit so etwas gerechnet.

Traumatischer Anschlag in Wächtersbach: Ein Jahr danach

Nach dem traumatischen Anschlag musste die Familie umziehen. In Hanau, so hoffte Bilal, würde er wenigstens etwas besser vergessen und sich sicherer fühlen können. Und so war es am Anfang auch, bis zum rassistischen Anschlag am 19. Februar dieses Jahres, bei dem ein 43-Jähriger neun junge Hanauer ermordete. Der Terror hat die Furcht verschlimmert.

Tapfer kämpfen Nadia und Bilal gegen die Folgen des Attentats, geben nicht auf. „Die Belastung ist sehr groß“, sagen sie, zu den eigenen Problemen kommt die Sorge um Bilals Mutter. Als sie in den Nachrichten sah, was ihrem Sohn angetan wurde, „ist sie zusammengebrochen“ und seitdem schwer krank, berichtet Nadia.

In Wächtersbach habe es ihnen eigentlich „gut gefallen“, sagt Bilal. Zwar seien sie dort mal wegen ihrer Hautfarbe angefeindet worden, was traurig gewesen sei, aber sie hätten auch gute Menschen kennengelernt.

Vor allem nach dem 19. Februar hat das Ehepaar darüber nachgedacht, Hanau und Deutschland zu verlassen, will es aber eigentlich nicht. Bilal und Nadia hoffen auf eine gute Zukunft. In Sicherheit.

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