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Versäumnisse und Ungereimtheiten

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Von: Gregor Haschnik

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Die Aufnahme der Wärmebildkamera aus dem Helikopter zeigt: Um 23 Uhr ist noch kein Polizeiwagen vor dem Haupteingang des Täterhauses (rechts oben) zu sehen. Foto: Forensic Architecture.
Die Aufnahme der Wärmebildkamera aus dem Helikopter zeigt: Um 23 Uhr ist noch kein Polizeiwagen vor dem Haupteingang des Täterhauses (rechts oben) zu sehen. © Forensic Architecture

Vili Viorel Paun versuchte in der Terrornacht von Hanau mindestens dreimal, den Notruf zu erreichen – vergeblich. Kurz danach wurde der 22-Jährige durch die Windschutzscheibe erschossen.

Die neuen Auswertungen von Forensic Architecture sind nicht die ersten Erkenntnisse über Versäumnisse und Ungereimtheiten im Umgang mit der Terrornacht von Hanau. Insbesondere die Missstände beim Notruf der Polizei haben Aufsehen erregt.

Die Polizeistation war in der Tatnacht kaum erreichbar, weil Anrufe dort – im Gegensatz zu anderen Dienststellen – bei einem „Überlauf“ nicht ans Polizeipräsidium Südosthessen weitergeleitet wurden. Und weil die Station so knapp besetzt war, dass bald nur noch eine Polizistin Anrufe annahm. Präsidium und Land wussten seit fast 20 Jahren von den technischen Problemen; Hanauer Polizist:innen wiesen mehrfach auf mögliche fatale Folgen hin, wie die FR aufdeckte. Doch die Überleitung wurde erst nach dem Anschlag eingeführt. Bis heute hat niemand Verantwortung dafür übernommen.

Tragische Folgen hatte das Versagen des Notrufs für Vili Viorel Paun. Der 22-Jährige beobachtete den Täter aus seinem Auto heraus am ersten Tatort in der Hanauer Innenstadt und folgte dem 43-Jährigen zum zweiten Tatort in Kesselstadt. Der Attentäter von Hanau wollte noch mehr Menschen ermorden, allein am ersten Tatort „mind. 10“, wie er geschrieben hatte. Paun scheint ihn dabei gestört zu haben. Er versuchte mindestens dreimal, den Notruf zu erreichen – vergeblich. Kurz danach wurde der 22-Jährige durch die Windschutzscheibe erschossen. Die Angehörigen glauben, dass die Polizei Paun gemahnt hätte, dem Täter nicht zu folgen, wenn er beim Notruf durchgekommen wäre.

Fragen zum Notausgang

Weitere Fragen wirft der Notausgang am zweiten Tatort auf, der offenbar versperrt war, wie ein Polizist nach der Tatortaufnahme vermerkt hatte. In der Arena-Bar wurden zwei der neun Opfer ermordet: Hamza Kurtovic und Said Nesar Hashemi. Sie und weitere junge Leute rannten nicht zur Fluchttür, sondern hinter eine Säule, weil laut Zeug:innen bekannt war, dass der Notausgang stets versperrt wurde. Es habe vermutlich Absprachen mit der Polizei gegeben, damit diese bei Razzien leichter agieren könnte, was Polizei und Betreiber zurückweisen. Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung wurden eingestellt. Die Staatsanwaltschaft führte unter anderem an, es gebe widersprüchliche Aussagen und keinen detaillierten Tatortbefundbericht. Letzteres sei ein Skandal, kritisiert der Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes und bemängelt weitere Ermittlungslücken: Man hätte beispielsweise Beamt:innen, die bei Kontrollen in der Bar dabei waren, vernehmen müssen.

Zudem wurden Alarmsignale nicht erkannt: Der Mörder schickte verschwörungstheoretische Schreiben mit rechten Narrativen an Staatsanwaltschaft, Generalbundesanwalt und Polizei. Sie sahen keine Anhaltspunkte für eine Straftat sowie Ermittlungen und eine Anfrage an den Main-Kinzig-Kreis, der dem Hanauer eine Waffenerlaubnis ausgestellt hatte.

Bereits zuvor war der Täter auffällig, etwa durch einen Angriff auf einen Wachmann und eine kurzzeitige Einweisung wegen paranoider Schizophrenie. 2018 soll er in Bayern eine Sexarbeiterin bedroht, ihr eine Waffe gezeigt und Todesangst bereitet haben. Laut der Polizei war nie von einer Waffe die Rede, es habe nur einen Streit über Filmaufnahmen gegeben. Diese Darstellung weckt allerdings Zweifel, auch weil die Aussage der Frau detailliert und glaubwürdig war.

Ebenso wenig geklärt ist ein Vorfall in der Nähe des zweiten Tatortes sowie des Hauses, in dem der Terrorist lebte: Am Jugendzentrum k.town, in dem einige der späteren Opfer Stammgäste waren, soll ein Mann Jugendliche im Frühjahr 2018 beleidigt und mit einem Gewehr bedroht haben. Sie riefen die Polizei, doch diese sei ihrem Hinweis nicht richtig nachgegangen.

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