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Unter Volldampf

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Hier fühlt sich Hans-Werner Dörich wohl: auf dem Museumsgelände in Großauheim.
Hier fühlt sich Hans-Werner Dörich wohl: auf dem Museumsgelände in Großauheim. © Sascha Rheker

Hans-Werner Dörich lebt im Großauheimer Dampfmaschinenmuseum zwischen Kesseln und Pleuelstangen.

Von Andreas Zitzmann

Sammler schrecken vor nichts zurück. Sie horten: Gartenzwerge, Eulen, Bierdosen, Batman-Comics – oder Dampfmaschinen. Nicht die kleinen Modelle für das nostalgische Kinderzimmer, sondern tonnenschwere Gerätschaften. Allerdings: Viele sind es nicht, die sich diesem gewichtigen Hobby widmen, aus nachvollziehbaren Gründen.

Und deswegen ist der Name Hans-Werner Dörich unter den Liebhabern historischer Technik weit über Hanau hinaus bekannt. Seit mehr als 35 Jahren sammelt der Großauheimer alles, was irgendwie mit Dampf zu tun hat, nicht nur die Maschinen, sondern auch, was mit ihnen früher einmal angetrieben wurde, von der Dampframme bis zum Kartoffeldämpfer.

Der 54 Jahre alte Speditionskaufmann, der in Offenbach bei einem großen Konzern arbeitet, verfiel dem Hobby, das ihn inzwischen rund 30 Stunden Arbeit pro Woche eingehandelt hat, im Jahr 1974, als er eine kleine Schmalspur-Dampflok – ein sogenannter B-Kuppler – erwerben konnte. Sie stand in Königstein auf einem Denkmalsockel. Heute hat sie ihren eigenen Lokschuppen in Dörichs „Technik-Park“.

Der liegt direkt hinter dem Großauheimer Museum, in dem Dörich auch wohnt. Seit 2000 hat er eine Kleingartenparzelle nach der anderen zwischen Bahnlinie und dem ehemaligen Friedhof gekauft, inzwischen ist das Areal 4000 Quadratmeter groß.

Der Park, hübsch angelegt – es gibt sogar einen ganz untechnischen Seerosenweiher –, ist „reine Privatsache“. Besuche – auch Gruppen – sind möglich, aber nur nach Absprache und Anmeldung. Eine regelrechte Öffnung verbietet sich der Unfallgefahren wegen, besonders für Kinder.

Dabei würde sich die unmittelbare Nachbarschaft anbieten, den Park an das Museum anzugliedern. Aber das befindet sich im Wandel. Es wird derzeit umgebaut – und damit vom Dampfmaschinenmuseum mit etwas Kunst zum Kunstmuseum mit etwas Dampf.

Dörich, der natürlich auch Vorsitzender des Fördervereins Dampfmaschinenmuseum ist, klingt ein wenig verbittert, wenn er darüber spricht. Seiner Sammelleidenschaft war es schließlich letztlich zu verdanken, dass das Großauheimer Museum zu einem Mekka für die Fans dieser historischen Technik geworden war. Eine ganze Reihe der gusseisernen Schwergewichte ist mittlerweile schon in Dörichs Park zurückgewandert, am Haken eines gewaltigen Krans.

Der 54-Jährige gibt aber nicht auf. So denkt er unter anderem daran – seine Ideenflut ist ungebremst –, die auf dem Gelände bereits verlegten Schmalspurschienen in einem Rundkurs auch am Museum entlang zu führen. Allerdings würde der Gleiskringel dann auch über den früheren Friedhof verlaufen. Das könnte zu Problemen mit Großauheimern führen, deren Angehörige dort ehedem begraben waren. Auf dem Rundkurs könnte dann die kleine Dampflok schnaufen und dann gewiss mehr Besucher ins Museum locken, dessen ist sich Dörich sicher.

Aber das ist Zukunftsmusik. Gegenwärtig gibt es andere Arbeiten. Bereits im Rohbau steht eine 32 Meter lange Halle, in gediegenem Backstein errichtet, sie soll später Dörichs Lieblingsobjekt aufnehmen: eine 100 Jahre alte Dampfwalze samt fünf Anhängern mit allerlei Spezialgerät für den Straßenbau. Solche Züge sind früher tatsächlich von Baustelle zu Baustelle gerumpelt.

Gegenüber steht, fest auf einem Betonsockel verankert, eine gewaltige, „liegende“ Dampfmaschine mit riesigem Schwungrad, gebaut 1910 von MAN. Jahrzehntelang trieben ihre 700 PS in einer Brauerei die Eismaschinen für die Lagerkeller an. Auch dieser Koloss erhält demnächst sein eigenes Gehäuse, wobei das Dach von eisernen Säulen gestützt werden wird, die früher Bahnsteigdächer im Aschaffenburger Hauptbahnhof trugen. Wer Dörich besucht, hört Geschichten ohne Ende. Etwa die, weshalb seine kleine Dampflok (von dem Typ besitzt er noch eine zweite) die extrem seltene Spurbreite 660 Millimeter hat.

„Eine Werkslok aus dem Saarland“, sagt er. „Mit der Spurbreite wurde verhindert, dass die Lok im Ersten Weltkrieg von der Armee für Feldbahnen beschlagnahmt wurde.“ Die hatten einen anderen, gängigeren Abstand zwischen den Schienen.

In all den Jahren hat der 54-Jährige praktisch sämtliche Lizenzen und „Führerscheine“ erworben, die für die dampfbetriebenen Maschinen erforderlich sind, etwa den eines staatlich geprüften Hochdruck-Kesselwärters. Oder für ein Dampfschiff. Seinen Mainschlepper, der betriebsfähig im Hafen lag, hat er vor drei Jahren an den Lago Maggiore verkauft. „Der liegt dort aber an Land“, was er natürlich eigentlich unglaublich findet.

Und weil er nicht nur im Museum und seinem Park sammelt, gibt es im Hafen eine 1000 Quadratmeter große Halle, wohlgefüllt mit vielen, zumeist funktionstüchtigen Exponaten. In Frankenberg/Eder harren seit mehr als zehn Jahren weitere 50 Maschinen einer neuen Zukunft in einem Technikmuseum, aus dem aber noch nichts wurde und wohl auch nichts wird. „Inzwischen verschenke ich schon Sachen“, einen florierenden Markt für Dampfmaschinen gibt es nicht.

Das alles geht nicht alleine. Der Verein der Dampfmaschinen-freunde hat knapp 100 Mitglieder (für das 100. Mitglied würde man sich übrigens eine besondere Überraschung einfallen lassen), von denen eine ganze Reihe aktiv mithilft, „weitere Mitmacher sind sehr willkommen“.

Wie finanziert Dörich seine Sammelleidenschaft, seinen Technik-Park, für den er noch viele Pläne hat? Er hält sich bedeckt: „Ist nicht einfach.“ Urlaub hat er seit 1982 nicht mehr gemacht, er erholt sich lieber zwischen Kesseln und Pleuelstangen. Schließlich auch nicht ganz unwichtig: Seine Lebensgefährtin akzeptiert die Dörichschen Leidenschaften.

Am 29. August rückt er mit seinen Vereinskollegen und einer Maschine samt Zubehör aus, um es anlässlich des Tages der offenen Tür zum 100-jährigen Bestehen des Hanauer Klärwerks dampfen zu lassen. Er lacht: „Da treiben wir eine Gülle-Pumpe an.“ Und für Kinder eine Luftballon-Aufblasmaschine. An Fantasie mangelt Hans-Werner Dörich wahrlich nicht.

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