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Terror von Hanau – Chaos bei Polizeieinsatz

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Von: Pitt von Bebenburg

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Die Hanauer Initiative 19. Februar beauftragte die Forschungsgruppe mit der Untersuchung der Terrornacht von Hanau.
Die Hanauer Initiative 19. Februar beauftragte die Forschungsgruppe mit der Untersuchung der Terrornacht von Hanau. © Tim Wegner / epd

Technische Probleme, mangelnde Kommunikation und verspäteter Zugriff: Das Haus des Hanauer Terroristen wurde stundenlang kaum bewacht. Die Gruppe Forensic Architecture zeigt: Der Täter hätte entkommen können.

Hanau – Beim Einsatz der Polizei in der Terrornacht von Hanau am 19. Februar 2020 hat es gravierendes Versagen gegeben. Die Ein- und Ausgänge des Wohnhauses im Stadtteil Kesselstadt, in dem sich der Täter nach den tödlichen Schüssen auf neun Menschen aufhielt, wurden nur zeitweise überwacht. Der Täter hätte demnach problemlos das Haus verlassen und flüchten oder gar weitere Morde begehen können.

Das ergibt eine Überprüfung von Videomaterial und Zeugenaussagen durch das internationale Recherchenetzwerk Forensic Architecture und dessen Berliner Ableger Forensis. Es hatte im Auftrag der Hanauer Initiative 19. Februar, dem Anwaltsteam einer Opferfamilie und des Frankfurter Kunstvereins geforscht, der die Ergebnisse vom heutigen Donnerstag an ausstellt. Die Ergebnisse lagen der Frankfurter Rundschau exklusiv vorab vor.

Zu den Vorgängen in Hanau hatte Forensic Architecture unter anderem Wärmebild-Aufnahmen ausgewertet, die von einem Polizeihubschrauber aus in der Tatnacht aufgenommen worden waren. Darauf sieht man das Haus des Täters, sein Auto sowie die Aktivitäten der Polizeikräfte und -fahrzeuge – allerdings nur für eine gewisse Zeit, da die Helikopter-Besatzung ausweislich ihrer Gespräche in jener Nacht nicht darüber informiert worden war, wo sich das Täterhaus befand.

Terror von Hanau: Nicht genügend Erst-Einheiten-Personal vor dem Haus

Die Polizei hatte nach Angaben des hessischen Innenministers Peter Beuth (CDU) nach 22 Uhr festgestellt, dass das Auto des Täters vor seinem Haus stand. Der Täter war zu Hause. Die Eingänge wurden aber nach Auswertung der Ermittlungsunterlagen durch Forensic Architecture erst weit nach Mitternacht vollständig überwacht.

Nach Aussagen der Spezialeinsatzkräfte (SEK) verfügten die Operativen Einheiten, die vor ihnen am Einsatzort waren, nicht über genügend Personal, um das Haus vollständig zu überwachen. Ein SEK-Mitglied habe in seiner Befragung geäußert, das Haus sei zwischen 00.15 und 00.30 Uhr umstellt worden. Auf den Wärmebildaufnahmen ist aber noch um 00.25 Uhr zu erkennen, dass kein Polizeiauto die Hintertür und den Garten des Hauses im Blick hatte.

Projektleiter zu Terrornacht von Hanau: „Polizei hat in der Tatnacht versagt“

An der Vordertür des Hauses ist in einer Aufnahme von 23 Uhr noch kein Polizeifahrzeug zu sehen. Kurz darauf lässt sich ein Polizeiwagen mit Beamten in Zivil ausmachen. Die Hubschrauberaufnahmen zeigen aber, dass das Polizeifahrzeug um 23.21 Uhr – auf den Videoaufnahmen zeigt die Uhr, die nachgeht, 23.18 Uhr – seine Position verlässt und nicht zurückkehrt. Auch hier habe frühestens um 00.25 Uhr die Überwachung wieder begonnen. Eine Helikopter-Aufnahme zu dieser Uhrzeit zeige jedenfalls keinen Polizeiposten vor dem Haus.

Die Polizeikräfte ließen noch bis mindestens Mitternacht Fußgänger:innen und Autos passieren, wie auf den Luftaufnahmen zu sehen ist. Galt der Täter in dem Haus als so ungefährlich, sein Fahrzeug nicht als potenzieller Sprengsatz? „Die Ergebnisse unserer Ermittlung unterstreichen, was die Opferfamilien, die Überlebenden und ihre Unterstützer:innen schon seit mehr als zwei Jahren sagen: Die Polizei hat in der Tatnacht versagt“, urteilt der Projektleiter von Forensic Architecture, Robert Trafford.

Ausstellung

Am Donnerstag, 2. Juni, wird um 19 Uhr die Ausstellung „Three Doors“ im Frankfurter Kunstverein eröffnet. Zu sehen ist sie bis zum 11. September.

Die Ausstellung wurde erarbeitet vom Kollektiv Forensic Architecture und dessen Schwesteragentur Forensis Berlin, der Initiative 19. Februar Hanau, der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh und dem Kunstverein.

Neben den Recherchen zum Terroranschlag von Hanau befasst sich eine weitere Untersuchung mit dem Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh aus Sierra Leone, der 2005 in einer Polizeizelle in Dessau verbrannte.

Vier weitere Arbeiten von Forensic Architecture werden gezeigt, unter anderem zur Ermordung von Halit Yozgat 2006 in Kassel durch die rechtsterroristische Gruppe NSU. pit

Den Video-Aufzeichnungen der Wärmebild-Kamera im Helikopter ist nicht der ganze Verlauf der Nacht zu entnehmen. Das hat einen Grund, der ebenfalls kein gutes Licht auf diesen Polizeieinsatz wirft: Die Hubschrauber-Crew weiß nämlich gar nicht, welchen Ort sie beobachten soll. Die Adresse des Täterhauses kommt nie bei ihr an. Das geht aus der Audio-Aufzeichnung im Inneren des Helikopters hervor, die ebenfalls von Forensic Architecture ausgewertet wurde.

Aus dem Mitschnitt der Funkgespräche, die die Frankfurter Rundschau hören konnte, wird deutlich, wie chaotisch der Einsatz verlief – auch aufgrund technischer Schwierigkeiten. Kurz nach 23 Uhr teilt eine Frau über Funk mit: „Zur Kenntnis, zur Kenntnis! Fahrzeug wurde an der Halteranschrift festgestellt. Weiteres kommt.“ Im Helikopter wird daraufhin das Anschriftenfeld in der Navi-Maske geöffnet, ein Polizist sagt, er sei „schreibbereit mit der Halteranschrift“. Doch die Adresse wird nicht genannt.

Terror von Hanau: „Was denn das für eine Halteranschrift?“

Drei Minuten später ist immer noch nichts passiert. „Die Halteranschrift ... was war denn das für eine Halteranschrift?“, fragt einer, und der Kollege antwortet: „Ja, da kam ja nichts. Die wollte ja nochmal kommen, aber ...“.

Eine halbe Stunde später ist der Helikopter-Besatzung noch immer nicht klar, was sie eigentlich tun soll. „Ja. Ich denk mal, wir kreisen mal wieder so’n bisschen. – Ja, wenn hier nichts passiert. – Zum Entlasten, ja. Lass uns nochmal so ein bisschen kreisen“, hört man. Die gelangweilten Beamten scherzen. „Ich muss mal Pippi. – Oh! – Ohje!“, ist zu vernehmen, und die Antwort: „Da hat der Schorsch was ganz Feines für solche Situationen“, worauf Gelächter zu hören ist. Auch über das Motiv des Täters können die Beamten nur spekulieren.

Einer kommt der Sache sehr nahe: „Darf man auch nicht vergessen: Terrorismus oder rechter Terrorismus“, sagt er. Einer stimmt zu, ein anderer erwähnt, dass ein Tatort eine Shisha-Bar war, worauf die These in den Raum gestellt wird: „Oder Schutzgeld nicht bezahlt.“

Warum wartete das SEK nach Terror von Hanau vor dem Haus des Täters ab?

Nebenbei ist dem Protokoll zu entnehmen, dass die Beamten genervt sind über ihre technische Ausstattung. Mal geht es um Anzeigen („Er zeigt die ganze Zeit Bluescreens. Flacker, flacker. Nervt total.“ – „Habe vorhin auch zweimal Bildschirmausfall gehabt.“ – „Ich meine, kostet ja nicht so viel so ein System ...“), mal um die Umstellungen bei den Funkkanälen, die für Verwirrung sorgen: „Haben sie schön das ganze Ding stillgelegt, indem sie alle auf irgendwelche Kanäle verteilt haben, jeder hat seinen eigenen und funkt mit sich selbst.“ – „Genau, schön Kanal-Bingo.“

Eine andere Frage zum Polizeieinsatz treibt die Angehörigen schon lange um. Warum wartete das SEK stundenlang vor dem Haus des Täters, bevor es eingriff? Hätte es den Tod der Mutter verhindern können, die vom Täter erschossen wurde? Oder hätte es danach wenigstens den Suizid des Täters verhindern können – womit er sich vor Gericht hätte für die Tat verantworten müssen? Dann hätte sie spätestens in das Haus eindringen müssen, als die ersten Schüsse fielen, mit denen die Mutter getötet wurde.

Terror von Hanau: Aufwändiges Experiment von Forensic Architecture widerlegt SEK-Behauptung

Die beteiligten SEK-Beamten behaupteten in ihren Vernehmungen, sie hätten keine Schüsse gehört. Forensic Architecture inszenierte ein aufwändiges Experiment, um zu belegen, dass das nicht sein kann. Dafür baute die Gruppe das Wohnzimmer in einem ähnlichen Haus nach. Sie spielte den Schall ein, den die Schüsse auf die Mutter Gabriele R. erzeugt haben müssen.

Das Ergebnis: Rund um das Haus müssen sie mit rund 100 Dezibel Lautstärke zu hören gewesen sein, so laut wie eine Kreissäge in unmittelbarer Nähe. Nach Auffassung der Forschungsgruppe muss es daher eine Schutzbehauptung sein, wenn die Beamten angeben, sie hätten nichts gehört. Hessens Innenminister Beuth hatte den Polizei-Einsatz als erfolgreich dargestellt und das späte Eingreifen der Spezialeinheit gerechtfertigt. Sie war erst kurz nach drei Uhr morgens in das Haus eingedrungen. (Pitt von Bebenburg)

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