+
Mit Hilfe eines Bildschirms und einer Freisprechanlage können Ärzte und Sanitäter kommunizieren.

Gesundheit

Modellprojekt im Main-Kinzig-Kreis: Tele-Notarzt berät per Live-Schalte

  • schließen

Der Main-Kinzig-Kreis baut ein Modellprojekt aus, denn es gibt eine positive Bilanz nach der ersten Testphase.

Der Sturz ist zwar nicht lebensbedrohlich, doch der Patient braucht sofort Hilfe. Welche Maßnahmen sollen ergriffen, welche Medikamente verabreicht werden? Die Sanitäter wählen im Rettungswagen den Telenotarzt an und kommunizieren mit Hilfe eines Streams und Headsets mit ihm. Der Facharzt ist mehrere Hundert Kilometer entfernt, bekommt aber unter anderem die aktuellen Vitaldaten des betroffenen sowie Live-Bilder vom Einsatzort und ordnet dann die notwendigen Schritte an.

So könnte sich ein Einsatz des Telenotarztes abspielen. Im Dezember 2018 ist das Modellprojekt mit einem ersten aufgerüsteten Rettungswagen des Deutschen Roten Kreuzes Gelnhausen im Main-Kinzig-Kreis gestartet. Der Kreis kooperiert hier mit dem Betreiber des Telenotarzt-Netzwerkes „P3 telehealthcare“, der seit 2014 im Raum Aachen tätig ist. Dort sitzen auch die Notärzte, die den Kräften aus dem Kreis als Ansprechpartner dienen. Sie sind rund um die Uhr erreichbar.

Main-Kinzig-Kreis zieht positive Zwischenbilanz

Nach den ersten von zunächst 24 Projektmonaten zieht der Kreis eine positive Zwischenbilanz. Der Telenotarzt wurde demnach bislang 99-mal konsultiert, im Schnitt alle zwei Tage. Ein ärztlicher Eingriff vor Ort sei in diesen Fällen nicht notwendig gewesen, die Zahl der unnötigen Fahrten in die Klinik sei reduziert worden.

Der Main-Kinzig-Kreis ist die erste Region in Hessen, in der der Telenotarzt zum Einsatz kommt. Die Landkreise Marburg-Biedenkopf und Gießen wollen dem Beispiel folgen. In Aachen läuft das Projekt bereits seit dem Jahr 2014 und soll dort zu einer Entlastung der fahrenden Notärzte beigetragen haben, um etwa 25 Prozent,

Experten, etwa von der AG in Hessen tätiger Notärzte, mahnen, der Telenotarzt könne nur eine Ergänzung sein, kein Ersatz. Das Modell stoße etwa bei Komplikationen an seine Grenzen. gha

Laut Landrat Thorsten Stolz (SPD) wurde fast „das komplette Spektrum rettungsdienstlicher und notärztlicher Leistungen“ erbracht. Es habe keine Probleme gegeben, weder bei der Abstimmung zwischen den Einsatzkräften noch bei der Verbindung, antwortet ein Kreissprecher auf FR-Anfrage. Das Netz sei während der Einsätze stabil gewesen, die gemessenen Signalstärke in nahezu allen Orten ausreichend. Dies ist beim Test in der ländlichen Region – das Projekt erstreckt sich auf den Raum Gelnhausen, Freigericht, Biebergemünd, Bad Orb und Jossgrund – ein entscheidender Aspekt, der weiter beleuchtet werden soll. Fachleute des Kreises wie Günther Seitz, Vize-Chef des Gefahrenabwehrzentrums, betonen, dass der Notarzt dort, wo sein „Handwerk“ direkt gefragt ist, weiterhin zum Einsatz kommen werde. Der Telenotarzt sei nur eine Ergänzung und Entlastung. Er sei zum Beispiel gefragt, wenn Rettungssanitäter einen ärztlichen Rat brauchen, um zu entscheiden, ob jemand ins Krankenhaus transportiert werden muss. Oder wenn Notfallpatienten schnellstens behandelt werden oder Medikamente brauchen. Der Telenotarzt bringe eine Zeitersparnis: Ein Notarzteinsatz – besonders wegen der Anfahrt – nehme im Schnitt circa 72 Minuten in Anspruch, bei einem Telenotarzt seien es 18 Minuten.

Das Projekt wird nun ausgebaut: Zwei weitere Fahrzeuge sind schon umgebaut, in Kürze sollen insgesamt sieben einsatzfähig sein. Wesentliche Gründe für die Initiative sind die steigenden Einsatzzahlen und der Fachkräftemangel. Während es 2008 noch 52.800 Rettungseinsätze im Kreis gab, waren es 2018 schon 71.900, bei etwa 20 Prozent davon wurde ein Notarzt gebraucht. Der Kreis ist in dieser Zeit gewachsen, von 400.000 Einwohnern auf 420.000, gleichzeitig rufen viele Leute 112, obwohl der Gang zum Bereitschaftsdienst reichen würde.

Die Kosten im ersten Jahr beziffert der Kreis auf 485.000 Euro und rechnet für das zweite mit einer ähnlichen Summe, wobei die Höhe nicht zuletzt davon abhängt, wie oft der Telenotarzt genutzt wird. Die Rettungsspezialisten in Gelnhausen gehen davon aus, dass die Nutzung nach und nach zunimmt.

Die Finanzierung läuft über den Rettungsdienst-Gebührenhaushalt, damit kann der Kreis die Ausgaben komplett über die Krankenkassen finanzieren. Ursprünglich kalkulierte das Landratsamt mit Landesmitteln. Doch laut dem Kreissprecher wurde ein entsprechender Antrag abgelehnt, auch weil das Projekt nicht innovativ genug sei, habe es geheißen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare