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Main-Kinzig / Wetterau

Stigmatisiert und verfolgt

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Der Theologe Peter Gbiorczyk erforscht Zauberglauben und Hexenprozesse in der einstigen Grafschaft Hanau-Münzenberg.

Sie soll sich mit Satan eingelassen und unter anderem die Ferkel eines Mannes verprügelt, „Kühe zauberischer weise gemolcken“ und die teuflische Anweisung erhalten haben, Leute mit Hexenzauber zu „verlähmen“ oder gar zu töten. Das steht in Barbara Scherers Urgicht, wie ein Geständnis in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gerichtsbarkeit genannt wurde. Scherer legte es in Gelnhausen bereits im ersten Verhör ab – offenbar um Schmerzen durch Folter zu entgehen und weil sie keine Chance hatte. Niemand setzte sich für sie ein. Das Urteil: Hinrichtung „mit dem feuer“.

Um diesen und zahlreiche andere Fälle geht es in Peter Gbiorczyks Buch „Zauberglaube und Hexenprozesse in der Grafschaft Hanau-Münzenberg im 16. und 17. Jahrhundert“. Auf gut 350 Seiten setzt er sich etwa mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen damals, mit Verdachtsfällen, Prozessen und ihren Folgen auseinander, Ort für Ort. Die Betroffenen waren weit überwiegend weiblich; 210 Frauen und 17 Männer wurden zum Tode verurteilt. Ihre Geschichten zeigen, dass vielerorts ein Klima der Angst herrschte, und jemanden als Hexe oder Zauberer zu diffamieren häufig dazu diente, sich ohne jegliche Rücksicht in einem persönlichen Konflikt durchzusetzen, sich zu rächen oder Macht auszuüben und zu erhalten.

Peter Gbiorczyk, der heute in Marburg lebt, ist im Main-Kinzig-Kreis bekannt. Er arbeitete in der Region Hanau als Gemeindepfarrer und von 1989 bis 2005 als Dekan des Kirchenkreises Hanau-Land, war am Aufbau der Diakonischen Flüchtlingshilfe beteiligt. Seit seinem Ruhestand beschäftigt er sich mit der regionalen Schul- und Kirchengeschichte und veröffentlicht Aufsätze und Bücher dazu. Auch der Reformation und dem Leben des Pfarrers und Inspektors Friedrich Grimm, dem Urgroßvater der Brüder Grimm, hat er sich gewidmet. Daraus sei die Motivation erwachsen zu beleuchten, wie Gemeinden Elemente des Zauberglaubens, die den reformatorischen Ansichten entgegenstanden, abwehren wollten. Zudem habe er eine noch fehlende „Gesamtdarstellung“ der gerichtlichen Verfolgung von angeblich hexenden Frauen und Männern liefern wollen.

Sein jüngstes Werk ist wissenschaftlich präzise und gleichzeitig gut lesbar. Der Autor hat beispielsweise im Hessischen Staatsarchiv Marburg, Stadtarchiv Hanau und Zentrum für Regionalgeschichte des Main-Kinzig-Kreises recherchiert. Neben der Analyse etwa der Rolle der geistlichen und der weltlichen Obrigkeit sowie der Ursachen für die Verfolgung hat das Werk vor allem eine Qualität: Es zeichnet detailliert die oft unbekannten Geschichten der Opfer nach, gibt ihnen Namen und Gesicht, „ist Sozialgeschichte ,von unten‘, also eine Darstellung aus der Sicht der Betroffenen und ihres Schicksals“, wie Martin Hein, der frühere Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, in seinem Geleitwort treffend feststellt. Und es bietet durchaus aktuelle Bezüge: Versuche, Verschwörungstheorien zu platzieren, Menschen zu diskreditieren, zumindest in der digitalen Welt zu verfolgen und sich selbst als Opfer zu inszenieren, werden von Rechtsradikalen und anderen Extremisten täglich gestartet.

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