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Speicher für mächtig viel Kohle

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Mit dem sogenannten Kratzer wird die Kohle von der Halde über einen Trichter auf das Förderband transportiert.
Mit dem sogenannten Kratzer wird die Kohle von der Halde über einen Trichter auf das Förderband transportiert. © Sascha Rheker/attenzione

Nach dem Überhitzungs-Zwischenfall im Staudinger-Kraftwerk soll es die Technik richten. FR-Redakteuer Alexander Polaschek hat sich auf dem Gelände umgesehen.

Von Alexander Polaschek

Von Ferne könnte man den voluminösen Rundbau am Mainufer für eine Arena halten. Und das angedockte Geäst aus blauen geschwungenen Stahlgerippen erinnert an eine Achterbahn. Wären da nicht die dicklichen dampfenden Kühltürme und die hageren Schlote des Kraftwerks Staudinger, die sich nebenan gruppieren. Dorthin führen die blauen Traversen. Sie tragen Förderbänder die von metallisch schimmernden Röhren umgeben sind. Dicken Adern gleich versorgen sie die Kessel mit der Kohle aus dem neuen Kreislager. Aus Eon-Sicht ist das Silo ein großer Fortschritt, in den Augen mancher Anrainer und Bürgerinitiativen jedoch ein unkalkulierbarer Gefahrenherd.

War das Kreislager mit einem noch geplanten Zwilling zuerst aus grundsätzlichen Erwägungen Angriffspunkt – es wird auch für den heftig umkämpften projektierten Steinkohleblock 6 benötigt – bietet es seit vier Wochen selbst Anlass für Proteste und kritische Nachfragen bis hin zur Landesregierung. In der Sommerhitze hatten stinkende Gase und Kohlenstaub aus dem Bunker die Luft in der Umgegend verpestet. Seither ist umstritten, ob sich nur harmlose „Hitzenester“ gebildet hatten, wie Eon behauptet, oder ob das Silo schon kurz davor stand, in Flammen aufzugehen, wie die Bürgerinitiative „Stopp Staudinger“ befürchtet.

Der Weg zu dem mächtigen Kuppelbau führt vorbei an den schwarzen Halden, die jahrzehntelang die einzige Lagerstätte für den Brennstoff bildeten. Die Kohle, angeliefert von Schiffen und durchschnittlich einem Güterzug am Tag, wird dort von riesigen gelben Radladern bewegt, die bequem einen Kleinwagen in der Schaufel unterbringen könnten. Bei der Logistik im Freien war bisher nicht zu verhindern, dass erhebliche Mengen Kohlenstaub vom Wind in die Umgebung verfrachtet wurden.

„Jährlich über hundert Tonnen“, schätzt Arne Köhler. Der Ingenieur ist für den neuen Kohlebunker verantwortlich und nennt die Verringerung des Staubaustrags als entscheidenden Vorteil des „eingehausten“ Lagers.

Wo jetzt noch die Halden liegen, will Eon den Block 6 errichten. Einstweilen aber ist die Verlagerung in den Silo ins Stocken gekommen. Zwar beteuert Köhler, dass „zu keinem Zeitpunkt Brand- oder Explosionsgefahr bestanden hat“. Aber der Zwischenfall in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli hat zum Nachbessern bei Lagertechnik und Sicherheitskonzept veranlasst. „Wir sind ja immer noch im Optimierungsbetrieb“, erklärt Köhler. Noch kann man den Silo deshalb durch eine Toröffnung ebenerdig betreten, was später bei Vollauslastung nur noch durch einen unterirdischen Gang oder über eine Brücke durch die Dachkuppel möglich sein wird. Innen herrscht eine dämmrige Atmosphäre. Die Kohle ist unter der mächtigen Dachkuppel aus Wellblech und Leimbindern zu einer schwarzen Landschaft modelliert – von der Mitte zur Wandung hin ansteigend, wie für einen Golfplatz oder Ski-Idiotenhügel. Die dunkle Masse auf der Fläche von gut eineinhalb Fußballfeldern verschluckt das Licht der starken Scheinwerfer, die auf dem kranartigen Turm in der Mitte montiert sind. Vereinzelte Figuren in orangen Sicherheitswesten sind zu erkennen. Ein Vermessungstrupp ermittelt Höhen und Gefälle. „Wir bauen einen verdichteten Sockel aus Kohle auf“, sagt Köhler, „damit künftig keine Wärmenester mehr entstehen.“

Die Kohle, ein Gemisch unterschiedlicher Körnungen von Staub bis etwa Faustgröße, wird den riesigen Bottich in einer Keilform auskleiden. Der Technikturm am tiefsten Punkt in der Mitte dieser Trichterform bleibt frei. Nach außen hin erreicht die Kohle eine Mächtigkeit über 25 Meter, begrenzt vom Ende der Betonwandung, auf der die Dachkonstruktion aufsetzt.

In der Kuppel dreht sich der „Absetzer“-Kran, der die von oben über die Förderbänder-Achterbahn einströmende Kohle an der gewünschten Position ausspuckt. Zu den Speichern der Kraftwerksblöcke gelangt der Brennstoff durch den Keller. Dazu dient der „Kratzer“.

Er sieht aus wie eine überdimensionierte Kettensäge und reicht vom Fuß des Turms bis zur Silowandung. Um 360 Grad drehbar und in der Neigung verstellbar, schabt er mit seinen Klauen die Kohle von der Halde in eine Öffnung im Zentrum. Dort fäll der Brennstoff auf ein Förderband. Am Kratzer wird gearbeitet, nachdem Nachbarn in Großauheim über nächtlichen „Ventilatorenlärm“ geklagt haben.

Da es jedoch keine Ventilatoren im Silo gebe, soll es das Kettenmonstrum gewesen sein, sagt Köhler. „Wir haben nun die Schmierung verbessert.“

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