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Kinzig-Hochwasser an der A 66 bei Rodenbach 2015.

Main-Kinzig

Das nächste Unwetter kommt bestimmt

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Landrat Erich Pipa (SPD) schlägt Alarm: Laut Planung brauchen die beiden Kinzig-Zuflüsse je ein Hochwasserrückhaltebecken, doch die Landesbehörde blockiert die Baumaßnahmen.

Das Szenario ist erschreckend: Nach Unwettern mit Dauerstarkregen treten die Salz und die Bracht über die Ufer, beide fluten die Kinzig, die Welle rollt gen Schlüchtern, Bad Soden-Salmünster, Gelnhausen, Langenselbold, Erlensee, Hanau, das Kinzigtal wird zur großflächigen Seenlandschaft, Langenselbold zum Inselchen. Die aus Fakten errechnete Computeranimation, die gestern vom Wasserverband Kinzig vorgeführt wird, erinnert eher an einen Flug übers Mississippi-Delta. Zehntausende Menschen wären betroffen, es käme zu unermesslichen privaten und volkswirtschaftlichen Schäden.

Noch sei der Main-Kinzig-Kreis mit blauem Auge davon gekommen, doch Landrat Erich Pipa (SPD) schlägt nun Alarm, ortet Gefahr im Verzug. Gerade angesichts der jüngsten Unwetter und Überflutungen dieses Sommers mit katastrophalen humanitären, materiellen und volkswirtschaftlichen Folgen. „Der Klimawandel wirkt“, sagt Wasserverbands-Geschäftsführer Holger Scheffler. Die nächsten Starkregen kämen bestimmt.

„Wir haben Probleme mit Landesbehörden“, ärgert sich Pipa. Obwohl das Land Hessen seit 2007 in die Hochwasserschutzplanung für den Einzugsbereich der Kinzig eingebunden und der Main-Kinzig-Kreis sogar Pilotprojekt für Hochwasserschutz in Hessen sei. Der Knackpunkt: Laut Planung brauchen die beiden Kinzig-Zuflüsse Salz und Bracht je ein Hochwasserrückhaltebecken. Die stehen auch in den Plänen, die ursprünglich sogar 16 dieser Reservoirs vorsahen.

Angst vor Verstopfung des Rückhaltebeckens

Nur: Das hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie rät in seiner Stellungnahme von dem Becken an der Salz bei Bad Soden ab. Grund: Ein Hang könnte abrutschen, das Rückhaltebecken verstopfen und somit zur noch größeren Katastrophe führen. Folglich verweigert das Regierungspräsidium in Darmstadt die Genehmigung. Pipa: „Das wäre eine einmalige, überschaubare Investition, die tausendfach größeren Schäden vorbeugen kann“. Für absurd hält die Rutschhang-Erklärung Paul Brinkmann, vom Kreis beauftragter Gutachter: Der Hang sei vor 800 Jahren gerutscht. „Da rutscht nichts mehr. Heute herrschen ganz andere Bedingungen“. Dabei verweist er auf seine eigenen geologischen Untersuchungen und Standfestigkeitsberechnungen.

Auch der Schottener Umweltingenieur Hans-Otto Wack warnt: „Wer zweimal vom Hochwasser überrollt wird, wohnt da irgendwann nicht mehr. Das kommt einer Entvölkerung des ländlichen Raums gleich. Da wird die Pflicht zur Zukunftsvorsorge unterlaufen, wenn nichts passiert.“
Somit steht Gutachter-Aussage gegen Gutachter-Aussage. Richten soll es nun Umweltministerin Priska Hinz (Grüne), die von Pipa ausdrücklich gelobt wird, weil sie auf seinen Brandbrief vom Juni schon im Juli geantwortet habe. Darin kündigt sie für nach den Sommerferien ein Gespräch mit den Fach- und Genehmigungsbehörden in ihrem Ministerium an, um zu einer Lösung zu kommen.

Pipa will das Rückhaltebecken bis zum Ende seiner Amtszeit im Juni 2017 unbedingt durchsetzen und dazu auch die Menschen im Main-Kinzig-Kreis gewinnen – vergleichbar mit seiner Petitions-Initiative für die Ansiedlung des kinderärztlichen Bereitschaftsdienstes in Gelnhausen.
Denn die Gefahr treibt ihn um: „Wenn die Hochwasserkatastrophe irgendwann da ist, kommt irgendein Bundes- oder Landespolitiker mit dem Hubschrauber dahergeflogen und nölt, dass man dagegen doch vorher etwas hätte tun können“.

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