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Das heutige Haus Lowwos am Neustädter Markt.

Hanau Gebrüder Grimm

Wo Marie Hassenpflug als Kind lebte

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Im Haus Lossow am Neustädter Markt in Hanau lauschte Marie Hassenpflug den Märchen, die sie später den Brüdern Grimm erzählte

Im Haus Lossow am Neustädter Markt in Hanau lauschte Marie Hassenpflug den Märchen, die sie später den Brüdern Grimm erzählte

Die Märchen der Brüder Grimm sind so, wie wir sie kennen, ohne Hanau nicht denkbar. Wie wichtig die Rolle der Stadt für das Werk der Märchensammler und Sprachforscher ist, untermauert eine gerade erschienene Veröffentlichung über Marie Hassenpflug.

Das Buch präsentiert die Ergebnisse der Forschungen von Phoebe Alexa Schmidt und ihrem Professor Heiner Boehncke. Der reich illustrierte Band „Marie Hassenpflug. Eine Märchenerzählerin der Brüder Grimm“ wurde nun in Hanau vorgestellt.

Boehncke ist Literatur-Professor an der Frankfurter Goethe-Universität und war bis 2005 Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk. Kürzlich wurde er in die Jury für den Brüder-Grimm-Literaturpreis berufen, den die Stadt Hanau alle zwei Jahre vergibt, das nächste Mal im November. Seine Studentin Phoebe Alexa Schmidt hat inzwischen ihr Examen mit Eins bestanden.

Hanau konkurriert als Geburtsstadt der Brüder Grimm mit Kassel, Marburg und Steinau, wo Jacob und Wilhelm lebten und wirkten. Für ihre Examensarbeit begab sich Phoebe Alexa Schmidt auf Geheiß ihres Professors auf die Spuren von Marie Hassenpflug. „Die Marie“ war eine der Informantinnen der Grimms. Sie und ihre Schwestern Jeanette und Amalie erzählten ihnen heute weltberühmte Märchen wie „Dornröschen“ oder „Brüderchen und Schwesterchen“. Marie Hassenpflug gilt als eine der bedeutendsten Beiträgerinnen zur Grimmschen Kinder- und Hausmärchensammlung von 1812.

"Nach wie vor eine Sensation"

Die Entdeckung, die der damaligen Studentin Schmidt im Zuge ihrer Forschungen gelang, nennt Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) „nach wie vor eine Sensation“: 2011 fand Schmidt den entscheidenden Hinweis auf das „Haus Lossow“ am Neustädter Markt/Ecke Lindenstraße als Wohnhaus der Familie Hassenpflug in den Jahren 1789 bis 1799.

In den Tagebuchaufzeichnungen von Maries Bruder Ludwig stieß sie auf das „Zauberwort“ Lossow. Der Brüder-Grimm-Beauftragte und Vorsitzende des Hanauer Geschichtsvereins, Martin Hoppe, den sie danach fragte, wusste, dass das Haus am Neustädter Markt, in dem heute ein Western Store Sportswear anbietet, jenes Haus Lossow ist. Damit war der Hanauer Wohnsitz der Hassenpflugs identifiziert. Im zweiten Stock wohnt heute Elfriede Lossow. Sie weiß, dass die Hassenpflugs einst im Haus ihrer Familie lebten. Nur hatte sie in all den Jahren nie jemand danach gefragt.

Der Tagebuchschreiber und Marie-Bruder Ludwig heiratete übrigens später die Grimm-Schwester Lotte und wurde kurhessischer Staatsminister des Innern und für Justiz. In der Bevölkerung trug er wegen seiner antiliberalen Haltung den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Hessen-Fluch“.

Inzwischen weist eine Gedenktafel am Haus Lossow auf die berühmte Bewohnerin hin. In die Wohnung im ersten Stock zog Familie Hassenpflug ein, als die in Altenhaßlau geborene Marie noch nicht ein Jahr alt war. Vater Johannes war zum Schultheißen der Hanauer Neustadt berufen worden. Familie Lossow betrieb im Erdgeschoss Ende des 18. Jahrhunderts eine Specereyhandlung mit Gewürzen, Süßigkeiten und Zigarren. Maries Bruder erinnert sich, wie er einmal als Bub in einem Fass „eine bedeutende Reliquie von Kochzucker“ zu entdecken glaubte und beim Versuch, den Schatz zu heben, hineinstürzte.

Die Hassenpflugs waren mit der Familie Grimm bekannt, vermutlich schon in der Hanauer Zeit. Jacob und Wilhelm wurden 1785/1786 am Paradeplatz (heute Freiheitsplatz) geboren.

Das Haus Lossow, ein prächtiger Fachwerkbau, wurde beim Luftangriff am 19. März 1945 zerstört. Nach dem Krieg wurde es in einer schlichteren Version wieder aufgebaut.

Das Buch über Marie Hassenpflug finanzierten das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (5000 Euro), der Brüder-Grimm-Stiftungsfonds der Bürgerstiftung der Sparkasse (4500 Euro), die Stadt und der Geschichtsverein (je 4000 Euro).

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