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Ilse Werder will mit ihrer Erzählchronik dazu anregen, sich mit Demokratie und deren Geschichte auseinanderzusetzen.

Ilse Werder in Hanau

Der lange Kampf für Demokratie

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Ilse Werder, die langjährige Hanauer Redakteurin der FR, hat ein in diesen Tagen besonders lesenswertes Buch geschrieben

lse Werder, die am Sonntag in einer Woche ihren 93. Geburtstag feiert, ist eine scharfsinnige Beobachterin, die es nicht beim Beobachten belässt. Sie bezieht Stellung, kritisch und anerkennend, ruft auf, aktiv zu werden, und engagiert sich selbst. So, wie sie es immer getan hat. „Ich sehe eine große Gefahr für unsere Demokratie“, sagt die langjährige Hanauer Redakteurin der FR und meint damit die Hetze, mit der rechtsextreme „Rattenfänger“ in Europa, Deutschland und Hanau versuchen zu spalten. Um ihnen nicht auf den Leim zu gehen, sollten sich die Leute besser informieren über Gegenwart und Geschichte, appelliert Werder. „Was passiert, hängt mit dem zusammen, was gewesen ist.“

Auch deshalb hat die gebürtige Kasselanerin ihr neues Buch geschrieben, für das sie zwei Jahre lang recherchiert hat: „Hanau - Der weite Weg zu Recht und Freiheit“. Das 188 Seiten umfassende „Demokratische Lesebuch 1820-2020“, das „Neues von gestern, Frisches für morgen“ enthält, ist im Gelnhäuser Kürle-Verlag erschienenen. Aus linksliberaler Perspektive setzt sich Werder darin unter anderem mit Industrialisierung, Arbeiterbewegung, Revolution und der ersten demokratischen Partei, die zur SPD wurde, auseinander sowie mit Nationalismus, Verfolgung und Krieg. Sie beleuchtet das sogenannte Wirtschaftswunder, die Wiederbewaffnung und den Widerstand dagegen. Zum Schluss widmet sich die Sozialdemokratin den jüngsten, einschneidenden Veränderungen in Hanau, mit Konversion und Stadtumbau.

Ilse Werder setzt auf einen erzählenden Stil, die Kapitel sind kurz, aber eindringlich. Neben den Fakten bleibt Raum für die prägenden Figuren all dieser Entwicklungen, auch für die Protagonistinnen. Zum Beispiel für Rosa Luxemburg, die im Saalbau in Hanau – das im ganzen Land als Hochburg der Arbeiterbewegung bekannt war – vor der Sinnlosigkeit des Krieges warnte. Oder für Ilse Busch, die 1966 für die SPD in den Landtag einzog, aber Hanauer Stadträtin blieb. Sie erreichte, dass in amtlichen Schreiben die Bezeichnung „Fräulein“ abgeschafft wurde und setzte sich früh für Umweltschutz und Kulturförderung ein.

Die Episoden machen bewusst, mit welcher Kraft und Ausdauer Demokratie errungen werden musste, wie sie zerstört und wiederaufgebaut wurde und weshalb es sich lohnt, für sie zu kämpfen. Zahlreiche Bezüge zu Frankfurt werden hergestellt.

Das Buch ist ein Herzensanliegen von Ilse Werder. Sie hat es selbst finanziert, „um unabhängig zu sein“. Den Umbau der Stadt Hanau und die Sozialdemokraten vor Ort hinterfragt sie auch kritisch. Sie lobt etwa die neue große Stadtbibliothek  als „Gewinn für die Stadt, für Jung und Alt“, spricht aber auch die Proteste gegen das Fällen der Platanen am Freiheitsplatz und gegen den Abriss der günstigen Wohnungen in der Französischen Allee an. Und bemängelt, dass die Ortsvereine der SPD „schwächeln“. Hier fehle es ihr an einer kritischen Diskussionskultur, sagt Werder, an einem gemeinsamen Ringen um Ziele - was heute auf zwei Feldern besonders wichtig wäre: politische Bildung und Friedenspolitik.

Heinz See, einst Professor für Politikwissenschaft und Sozialpolitik an der Fachhochschule Frankfurt, kennt Werder seit vielen Jahren und bezeichnet das Werk als „phantasiereich kombiniertes, progressives Heimatbuch“. Es zeichne die unglaubliche Hanauer Geschichte, in der sich oft Weltpolitik widerspiegelte. Das einzige, was fehle, „ist ein Kapitel über Ilse Werder“ und über ihr Engagement, sagt See, etwa bei der Gründung des Vereins „Frauen helfen Frauen“ oder dem Hanauer Kulturverein.

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