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Seltener Vogel fasziniert

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Von: Gregor Haschnik

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Wenn überhaupt, hält sich der mediterrane Vogel sonst nur im Sommerhalbjahr in Deutschland auf.
Wenn überhaupt, hält sich der mediterrane Vogel sonst nur im Sommerhalbjahr in Deutschland auf. © HGON

Ein Sichler rastet in den Auen von Nidderau-Eichen (Main-Kinzig-Kreis) und lockt Vogelfreunde aus ganz Deutschland an

Am Dienstagnachmittag darf sich der derzeitige König der Eichener Auen zumindest kurz über standesgemäßes Wetter freuen: Die Sonne scheint und spiegelt sich auf den überschwemmten saftigen Wiesen. Der Sichler mittendrin, sein braunes Gefieder glänzt. Elegant steht er da, mit seinen langen schlanken Beinen, und sucht mit seinem gebogenen Schnabel geduldig nach Nahrung in Schlamm und Wasser. Nebenan stärken sich unzählige Kormorane, Graureiher und Nilgänse. Doch die großen Objektive richten sich vor allem auf den Sichler. Die Naturfotografen wollen die Momente unbedingt verewigen, denn der seltene Vogel dürfte bald weiterziehen.

Der Nidderauer Stadtteil ist in diesen Tagen das Ziel vieler Vogelfreunde. Der Grund: Der Braune Sichler, eine Ibis-Art, rastet kaum in unseren Breiten. Und wenn, dann in warmen Monaten. Die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) zählt für Hessen insgesamt nur 15 Nachweise. In kalten Monaten ist der 55 bis 65 Zentimeter große Stelzvogel in Deutschland nur noch im Januar 2014 gesichtet worden. Der Zugvogel ist vor allem in den Tropen, Subtropen und am Mittelmeer zu Hause. Der Braune Sichler ist die einzige Sichler-Art, die in Europa vorkommt.

Biologe Ralf Sauerbrei, der sich in der HGON engagiert, sagt, es sei „erstaunlich, dass der Sichler jetzt hier aufgetaucht ist“. Womöglich habe die zwischenzeitliche Wärmeperiode dazu beigetragen – und das offenbar reichhaltige Nahrungsangebot in dem großen, eisfreien Feuchtgebiet in Eichen. Wahrscheinlich handelt es sich um einen relativ jungen Vogel, der sich noch nicht gepaart hat, und auch deshalb alleine ist. In jedem Fall setzt der Sichler eine Serie fort, weil in den vergangenen Wochen viele in dieser Jahreszeit seltene Vogelarten hier zu Gast waren, so die HGON: Ein Seidenreiher, ebenfalls ein mediterraner Vogel, hat im Naturschutzgebiet Reinheimer Teich bei Darmstadt überwintert; vielerorts sind Bachstelzen, Zilpzalpe und Hausrotschwänze gesehen worden. Vielleicht handele es sich wegen der milden Witterung auch schon um die ersten Heimzüge.

Den Sichler entdeckt hat wohl Sonja Jüngling, seit zehn Jahren Mitglied in der Vogelschutzgruppe Eichen. Sie wohnt in unmittelbarer Nähe der Auen und geht dort oft spazieren, um zu entspannen und die Natur zu genießen. „Es ist wunderschön hier, wie in einem Nationalpark. Die vielen Schmetterlinge und faszinierenden Vögel, die man hier beobachten kann: Störche, Reiher, Kormorane, Möwen ...“, schwärmt Jüngling. Wenn das Wasser aus der Nidder die Wiesen überschwemmt, entstehe eine beeindruckende, seenartige Landschaft. Und am Neujahrstag kam Jüngling am Mittag ein besonders bemerkenswerter Vogel entgegen, den sie erst gar nicht richtig identifizieren konnte. Jüngling erkundigte sich und erkannte, dass es sich um eine regelrechte Sensation handelte. Schon bald erfuhren andere Experten, dass ein Sichler in Nidderau Energie tankt. Die Nachricht sprach sich schnell unter den gut vernetzten Vogelfreunden herum. Dutzende sind schon gekommen, etwa aus Hannover und Eschwege.

Die Begeisterung hat auch negative Seiten, denn nicht alle nehmen Rücksicht auf die Natur. Um dem Sichler näher zu kommen, haben einige Besucher zum Beispiel mit ihrem Auto einen Wirtschaftsweg genommen, sind weit in das Auengebiet gelaufen – und haben Vögel verscheucht. Bald ist der Hype vermutlich vorbei, weil der Sichler in seine Heimat geflogen ist.

Möglicherweise in Richtung Spanien. Im Doñana-Nationalpark und im Ebrodelta haben sich laut HGON seit 1996 aus einst elf Paaren große Brutkolonien entwickelt – und den Bestand rasch vergrößert.

Es sind Vögel, die zu großen Leistungen fähig seien: Ein Sichler, der 2011 im Bingenheimer Ried war, hatte einen Ring aus der Kolonie im Ebrodelta. Nach dem Abzug aus der Wetterau wurde er bei Göttingen, dann in Brandenburg und zuletzt in Litauen gesichtet, bevor er über die Niederlande nach Spanien flog.

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