Die Führungen des Unternehmens sind meistens ausgebucht.
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Die Führungen des Unternehmens sind meistens ausgebucht.

Friedwald

Mit Schweinshaxe ins Baumgrab

Seit fünf Jahren bietet die Firma Friedwald auf einem insgesamt 50 Hektar großen Waldgebiet Bestattungen an. Das Interesse ist weiter groß.

Von Christoph Süß

Es ist kalt im Hailer Wald, die glatten, steilen Wege machen am Samstag die Anfahrt zum Friedwald zu einem kleinen Abenteuer. Der befindet sich Mitten im Wald, gegenüber von einem Friedhof. Veronika Elsesser ist unsere Führerin, sie weiß alles, was man über die Baumbeerdigung wissen muss. Rund 15 Personen außer mir wollen sich über die alternative Art der Bestattung schlau machen und sie sich einmal direkt vor Ort anschauen.

Seit fünf Jahren bietet die Firma Friedwald auf einem insgesamt 50 Hektar großen Waldgebiet Bestattungen an. Dieses ist zwar mit Pflöcken angedeutet, ansonsten aber frei zugänglich und kaum vom übrigen Waldgebiet zu unterscheiden. Zwei Jogger traben einen rutschigen Weg hinunter, während Veronika Elsesser am Andachtsplatz vor einem Holzkreuz die Details erzählt: Beisetzungen am Gemeinschaftsbaum ab 770 Euro, Partnerbäume kosten 2700 Euro aufwärts.

Ein Mann will wissen, was passiert, wenn „sein“ Baum bei einem Sturm umknickt – schließlich erwirbt man ein Nutzungsrecht auf unbestimmte Zeit. Der Pachtvertrag des Unternehmens mit der Stadt läuft noch rund 95 Jahre. Die ersten fünf sind bereits rum und laut Elsesser, die mit fünf Kollegen die Bestattungen vor Ort organisiert, wurden in dieser Zeit 800 Menschen dort beerdigt.

Bei der Wahl des Zeremoniells sind die Kunden frei. „Ich hab schon erlebt, dass im Wald Biergarnituren aufgestellt und Kaffee getrunken wurde“, erzählt Elsesser. Die Teilnehmer der Führung stören sich an solch unkonventionellen Riten offenbar nicht. Die Gruppe an dem kalten Wintertag ist ein bunter Haufen von Menschen aus dem näheren Umkreis, die sich erst einmal informieren wollen. Einen Baum kauft an diesem Samstag niemand. „Ich finde diese neue Bestattungskultur bedenklich“, sagt ein älterer Herr, der sich trotz Wanderschuhen an dem steilen Hang kaum auf den Beinen halten kann.

Ein knapp 70 Jahre altes Pärchen aus Wächtersbach ist mit Hund Chaya da. „Welche Bäume werden überhaupt genommen“, will es wissen. Mit ernstem Gesichtsausdruck und ruhiger Stimme erklärt Veronika Elsesser, die keine Försterin ist, welche Kriterien ausschlaggebend sind. Abgesehen von der Lebenserwartung des Baums seien dies der Abstand zu anderen Bäumen und die Art des Baums. In der Regel würden Laubbäume verwendet.

Nach gut einer Stunde spüre ich meine Füße kaum noch. Die Gruppe hat sich zum Teil schon aufgelöst. Elsesser will den potenziellen Kunden noch schnell ein Mustergrab zeigen: Wenn die Urne, die zu 100 Prozent organisch abbaubar sein muss, vom Bestatter kommt, wird sie mit einem Korb in ein 80 Zentimeter tiefes Loch unweit des Baums versenkt. „Ich würde eine Schweinshaxe mit ins Grab nehmen“, scherzt ein mittelalterlicher Herr, der nebst Gattin und älterer Dame an der Führung teilgenommen hat.

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