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„Der schönste Beruf der Welt“

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Frau Chefin schneidet selbst auf.
Frau Chefin schneidet selbst auf. © ROLF OESER

Daniela Roß ist Metzger- und Innungs-Obermeisterin. Das ist fast schon ein Alleinstellungsmerkmal, denn in Deutschland bringen es nur wenigen Frauen so weit hinter der Fleischtheke.

Von Anne Lorenc

"Von der Chefin selbst geschnippelt“, empfiehlt die Verkäuferin das gemischte Gulasch. In der Feinkost-Metzgerei Schaaf in Rodenbach geht es familiär zu – und das seit 86 Jahren. Doch jetzt, in der dritten Generation, hat die Metzgermeisterin Daniela Roß den Aktionsradius noch einmal ausgedehnt. Die heute 40-Jährige ist Obermeisterin der Metzger-Innung Stadt und Land Hanau.

Bundesweit gehört Roß zu den wenigen Frauen mit leitenden Funktionen im Handwerk. Aber in der Hanauer Innung stellt sie keineswegs eine Pionierin dar. Vor ihr hatte Sabine Kobert neun Jahre lang dieses Amt inne. Auch sie war wie die Rodenbacherin bei der Berufswahl in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. „Für unsere Innung ist das also nichts Sensationelles“, kommentiert Roß ihre Wahl in den Innungs-Vorstand.

Dabei wurde Daniela Schaaf, wie sie vor ihrer Eheschließung hieß, der Metzgerberuf keineswegs in die Wiege gelegt. Als sie in Hanau aufs Gymnasium ging, wollte sie unbedingt Staatsanwältin werden. Diesen Traum pflegte sie auch, wenn sie in den Ferien im Metzgerladen aushalf. Das Schlachten, Zerlegen der Tiere, das Wurstmachen hat sie von Kindesbeinen an begleitet und nie mit Ablehnung erfüllt: „Es ist ja nicht so, dass wir knietief im Blut stehen.“ Für sie ist es heute „der schönste Beruf überhaupt“.

Über Nacht kam ihre Entscheidung – für sie selbst überraschend, „aber alle anderen haben es wohl schon vorher gewusst“. Mit 17 Jahren begann sie im elterlichen Betrieb mit der Lehre, schaute sich während der Vorbereitung auf die Meisterprüfung für ein halbes Jahr in einer großen Metzgerei in Frankfurt um und kam nach Rodenbach zurück. In der Berufsschule habe es neben ihr die eine oder andere Frau gegeben, in der Meisterklasse „waren wir fünf von 90“, erzählt Roß. Vorbehalte habe sie nie gespürt: „Da gab es immer den Wow-Effekt.“ Das werde nicht so bleiben, ahnt die Obermeisterin: In vielen Familienbetrieben wanderten die Söhne in andere Berufe ab, „und die Töchter reißen es heraus“.

Die Herausforderung ist groß. Der Betrieb muss mit seinem Angebot auf der Höhe der Zeit sein. Hinzu kommen die teuren Investitionen zur Anpassung an immer neue EU-Vorschriften oder das Modernisieren der Maschinen.

Zusätzlich engagiert sich Daniela Roß mit Elan und aus Überzeugung in der Innung und der Weiterbildung. So unterrichtet sie seit 1998 an der Berufsschule Fachkunde, und ihre Innungs-Aktivitäten zielen darauf ab, Nachwuchs zu fördern. Aber sie steht auch für eine zeitgemäße Philosophie: „Ich bin nicht dafür, jeden Tag Fleisch und Wurst zu essen.“ Sie fordert zum Nachdenken auf: „Jeder will Qualität, aber nichts dafür zahlen. Jeder will viel Freizeit, aber bis Mitternacht einkaufen gehen – das ist kein gesundes Verhältnis“, sagt die Mutter zweier Kinder.

Am Herzen liegt Daniela Roß auch die Nachwuchsförderung. Sie wolle das Berufsbild verbessern und junge Menschen finden, „die den Beruf lieben und leben“. Zu Hause ist ihr das gelungen. Im Sommer beginnt ihr Sohn im Betrieb, der von den Großeltern und der Mutter gemeinsam geleitet wird, mit der Metzgerlehre.

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