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Schlüchtern

Schlüchtern: Rassistischer Übergriff auf 57-Jährigen

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Nach einem rassistischen Übergriff auf einen 57-Jährigen in der Schlüchterner Innenstadt ermittelt der Staatsschutz. Offenbar ist der Fall gravierender als zunächst angenommen.

Es geht mir wieder ganz gut. Aber ich habe weiter Schmerzen am Hals und bin erschrocken über das, was da passiert ist“, sagt der Schlüchterner. Am Mittwochabend vor einer Woche fürchtete er um sein Leben: „Ich wurde lange gewürgt, kriegte keine Luft mehr. Es hätte schlimm ausgehen können. Ich hatte Todesangst.“

Was war geschehen? Die Polizei hatte den Vorfall unter der Überschrift „57-Jähriger in Auto attackiert“ gemeldet und unter anderem geschrieben, der Mann solle zum Anhalten gezwungen und rassistisch beleidigt, bedroht und geschlagen worden sein. Der Staatsschutz ermittelt. Gestern entgegnete ein Polizeisprecher auf FR-Anfrage, wegen laufender Ermittlungen könne er keine weiteren Details mitteilen.

Der Fall ist offenbar noch gravierender als zunächst angenommen. Der Betroffene schildert ihn so: Er fuhr nach Hause, als fünf junge Leute „einfach so vor mein Auto sprangen und mich zwangen anzuhalten“. Nicht alle hätten ihn angegriffen, aber einer sei besonders aggressiv gewesen. „Ich fragte: ,Was ist los mit euch?‘ Die Antwort: ‚Ich will dich umbringen.‘“ Der Schlüchterner, in den 80er Jahren aus Südasien nach Deutschland gekommen, fragte, warum, und bekam sinngemäß zu hören: „Weil du Ausländer bist und schwarz.“ Danach habe der Wortführer zum Handy gegriffen, angeblich um die Polizei zu rufen – was wohl nicht stimmte und eine Hinhaltetaktik gewesen sein könnte.

Der 57-Jährige blieb. Er habe verhindern wollen, für irgendetwas zu Unrecht beschuldigt zu werden. Etwa 20 Minuten vergingen, in denen er lautstark rassistisch beschimpft worden sei. Ein Zeuge, der nicht in unmittelbarer Nähe stand, bestätigt dies. Obwohl nur wenige Meter entfernt Menschen saßen, griff zunächst niemand ein oder rief die Polizei. „Das tat weh. Auch weil ich schon so lange hier bin, friedlich, schaffe ,wie ein Esel‘. Und dann werde ich bedroht und angebrüllt: raus aus Deutschland!“

Dann kam ein Auto mit einer Frau und einem Mann, der Vater eines der etwa 17- bis 20-Jährigen gewesen sein soll. Dieser habe den 57-Jährigen in dessen Auto körperlich attackiert und angefangen, ihn in den Sitz zu drücken und zu würgen, „richtig fest“. Laut Polizeibericht soll die Frau mit einer Jacke versucht haben, die Tat vor den Blicken anderer abzuschirmen. Jetzt mischten sich zwei Zeug:innen ein: Eine Passantin habe sich nicht einschüchtern lassen und schließlich gesagt: „Ich bin Polizistin und rufe jetzt meine Kollegen an.“ Kurz darauf habe der Angreifer von ihm abgelassen, berichtet das Opfer.

In der Vergangenheit sei er schon einige Male rassistisch beleidigt worden – aber so etwas Unfassbares habe er noch nie erlebt, sagt der 57-Jährige. Er sei immer noch entsetzt. „Ich danke vor allem der mutigen Frau, die mir sehr geholfen hat. Gut, dass es solche Menschen gibt.“

In den vergangenen Jahren wurden im Main-Kinzig-Kreis wiederholt Angriffe verübt: So mussten sich 2018 während einer Kerb in Birstein Fußballer aus Mühlheim nach einer rassistischen Hetzjagd in Sicherheit bringen. 2019 schoss ein Rassist in Wächtersbach auf den Geflüchteten Bilal M. und verletzte ihn lebensgefährlich. Und in Hanau ermordete am 19. Februar 2020 ein 43-jähriger Rechtsextremer neun junge Hanauer:innen.

Vor allem im Ostkreis lebten beziehungsweise leben weiterhin teils bundesweit vernetzte Rechtsradikale, darunter führende Anhänger der Gruppe „Aryans“.

Schlüchtern geriet 2019 in den Fokus: In der Polizeistation hängten Beamte am 27. Januar – dem Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus – die deutsche und die hessische Flagge kopfüber auf halbmast. Das ist etwa unter Reichsbürgern ein Symbol, um die BRD zu verunglimpfen; hier sollte womöglich auch der Holocaust verharmlost werden. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt stellte das Verfahren gegen die vier Polizisten ein, da es nicht strafbar sei, die Fahnen derart aufzuhängen, auch an diesem Tag. Die Polizei verhängte gegen einen Beamten eine Disziplinarstrafe. Die anderen Verfahren endeten, weil keine politische Motivation festgestellt worden sei.

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