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Rassistischer Anschlag in Hanau: Video liefert neue Hinweise zu Notausgang in Arena-Bar

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Von: Gregor Haschnik

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Ein Video liefert neue Hinweise zum Notausgang in Arena-Bar. (Archivfoto)
Ein Video liefert neue Hinweise zum Notausgang in Arena-Bar. (Archivfoto) © Nicolas Armer / dpa

Die Fluchttür am zweiten Tatort soll versperrt gewesen sein. Ein neues Überwachungsvideo stützt entsprechende Zeugenaussagen.

Hanau – Aufnahmen einer Überwachungskamera, die bislang öffentlich nicht bekannt waren, geben neue Hinweise zum wahrscheinlich verschlossenen Notausgang am zweiten Tatort des Anschlags von Hanau, der Arena-Bar in Kesselstadt. Sie stützen Aussagen, nach denen den späteren Opfern bewusst war, dass die Fluchttür versperrt gewesen ist und sie deshalb nicht in diese Richtung rennen konnten, als der Attentäter kam. Auf dem Video ist zunächst zu sehen, wie vor dem Anschlag mehrere junge Leute zum Vorraum des Notausgangs gehen und wieder zurückkommen. Niemand geht durch den Ausgang raus oder kommt rein.

Auch später, gegen 21.20 Uhr, als einige – darunter Hamza Kurtović, der wie Said Nesar Hashemi gegen 22 Uhr ermordet wurde – nach draußen wollen, nehmen sie nicht den kurzen Weg durch die Fluchttür, sondern den langen zum Haupteingang und laufen einmal um das ganze Gebäude. Wie die Bilder zeigen, hatte Kurtović zuvor offenbar schon beobachtet, dass der Notausgang von niemandem genutzt wurde.

Armin Kurtović, Hamzas Vater, hat die Aufnahmen am Donnerstag im Frankfurter Kunstverein vorgestellt, wo eine Ausstellung mit Erkenntnissen der Forschergruppe Forensic Architecture zum Hanauer Anschlag sowie zum Fall Oury Jalloh vorgestellt wurde. Außerdem präsentierte er eidesstaatliche Erklärungen von Bar-Gästen zu ihren Beobachtungen zum Notausgang an jenem Abend. Die Frankfurter Rundschau konnte die Bilder aus der Arena-Bar vorab sichten.

Terror in Hanau: Gäste suchten Schutz hinter Säule

Als der Attentäter am Abend des 19. Februar 2020 die Bar betrat, rannten die Gäste nicht zur Fluchttür, sondern suchten Schutz hinter eine Säule, weil nach Angaben zahlreicher Zeug:innen bekannt war, dass der Notausgang immer verschlossen war. Es habe vermutlich Absprachen mit Polizist:innen gegeben, damit diese bei Razzien leichteres Spiel hatte, was Polizei und Betreiber entschieden zurückweisen.

Nachdem Vater Armin Kurtović mit zwei Überlebenden im Oktober 2020 Strafanzeige beim Generalbundesanwalt gestellt hatte, ermittelte die zuständige Staatsanwaltschaft Hanau wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, stellte das Verfahren im August 2021 jedoch ein. Als Gründe nannte sie etwa „widersprüchliche Zeugenaussagen“, aufgrund derer unklar sei, ob die Tür am Abend des 19. Februar 2020 geschlossen oder geöffnet gewesen sei. Für eine Zusammenarbeit zwischen dem Wirt und der Polizei seien keine Belege gefunden worden. Auch sei nicht sicher, ob die jungen Leute ihrem Fluchtinstinkt weg vom Täter gefolgt seien oder davon ausgingen, dass die Tür zu gewesen sei. Ein Kausalzusammenhang zwischen dem Ausgang und den Morden könne nicht belegt werden.

Die Thema Notausgang hatte durch eine Untersuchung von Forensic Architecture (FA) an Brisanz gewonnen. Laut dem Gutachten, das auf einer Rekonstruktion der Abläufe in der Bar basiert und den Ergebnissen der Staatsanwaltschaft widerspricht, hätten sich mindestens vier, mit großer Wahrscheinlichkeit sogar fünf Gäste gerettet, wenn sie zur Fluchttür gelaufen wären und diese offen gewesen wäre.

Terror in Hanau: Generalstaatsanwaltschaft weist Beschwerde ab

Kürzlich hat die Generalstaatsanwaltschaft die Beschwerde von Opferangehörigen, die gegen die eingestellten Ermittlungen eingereicht worden war, abgewiesen. Nach Auffassung der Frankfurter Behörde ist die Einstellung des Verfahrens durch die Staatsanwaltschaft Hanau weder sachlich noch rechtlich zu beanstanden.

Sein Sohn habe in der Arena-Bar das Ganze beobachtet, sagt Armin Kurtović zu den Videoaufnahmen. Es sei ihm offensichtlich bewusst gewesen, dass die Fluchttür wieder geschlossen gewesen sei. Kurtović hat offenbar kein Vertrauen mehr in die hessischen Ermittlungsbehörden und will, dass die Fragen rund um den Notausgang auf Bundesebene geklärt werden. Er könne sich nicht erklären, wieso das Videomaterial, das den Behörden seit Februar 2020 zur Verfügung stehe, bislang nicht ausgewertet worden sei, so Kurtović. Von den 18 von ihm genannten Zeugen, sei gerade einmal die Hälfte befragt worden.

Terror in Hanau: Vater von Hamza Kurtović kritisiert Aussage von Kriminalhauptkommissar

Darüber hinaus kritisierte Hamzas Vater die Aussage eines zuständigen Kriminalhauptkommissars zur Tatortaufnahme in der Arena-Bar: „Da hier der Täter offensichtlich bekannt und tot war, wurde hier auf Detailtreue verzichtet“, sagte der Polizist. Eine Aussage, die nicht nur aufgrund der Erfahrung des Beamten Fragen aufwirft, sondern auch weil sie kriminalistischen Grundprinzipien widerspricht. Hinzu kommt, dass allen Beteiligten klar sein musste, dass sie ein beispielloses Verbrechen untersuchen und entsprechend genau vorgehen müssen. Ein Tatortbericht sei eigentlich die Grundlage für staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, in diesem Fall jedoch nicht, bemängelt Kurtović.

Er bittet den Generalstaatsanwalt, seine Entscheidung zu überdenken und „die Einstellung zu revidieren“. Gleichzeitig appelliert er an Ministerpräsident Boris Rhein und Justizminister Roman Poseck (beide CDU), von denen er eine hohe Meinung habe, das Bundeskriminalamt zu den Ermittlungen heranzuziehen. (Gregor Haschnik)

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