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Zuwanderer- Familien

Räumung am Morgen

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Viele Zuwanderer-Familien wissen nicht, ob sie bleiben können. In den kommenden Wochen sollen mehrere Zwangsräumungen vollstreckt werden.

Viele Zuwanderer-Familien wissen nicht, ob sie bleiben können. In den kommenden Wochen sollen mehrere Zwangsräumungen vollstreckt werden.

Alle Roma raus?“, fragt die junge Mutter mehrfach. Angst und Resignation mischen sich in ihrem Blick. „Heute? Was dann?“ Sie hält ein Kleinkind auf dem Arm und geht unruhig durch die Wohnanlage in der Daimlerstraße, wo die Verwahrlosung nach wie vor allgegenwärtig ist: bröckelnde Wände, offene Briefkästen, herausgerissene Lichtschalter, ein übler Gestank nach Abfall und Ungeziefer.

„Gegen Zwangsräumung und Vertreibung“

Die Roma ist mit ihrer Familie vor der Armut in Rumänien geflohen und in der Straße am Hauptbahnhof gelandet. Es ist halb acht. Einige Kinder, die in der weiß-grauen Häuserzeile wohnen, machen sich mit ihren Ranzen auf den Weg zur Schule. Noch ist nichts passiert. Doch die Ungewissheit unter den Zuwanderern ist groß: Mehrere Kleinbusse der Polizei sind vorgefahren, Kamerateams filmen. In den vergangenen Tagen sind einige Familien ausgezogen, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen konnten und einen Räumungsbescheid bekommen haben. Viele von denen, die noch da sind, wissen nicht, ob sie jetzt auch ihre Wohnungen verlassen müssen. Vielleicht haben sie ein Schreiben nicht bekommen oder falsch verstanden.

Mehrere Zwangsräumungen sollen an diesem Dienstagmorgen vollstreckt werden. Nach Angaben der Stadt sind 17 Erwachsene und 22 Kinder und Jugendliche betroffen. Das Sozialforum Hanau ist gekommen, um die Betroffenen zu unterstützen und die Sozialpolitik der Stadt zu kritisieren. „Gegen Zwangsräumung und Vertreibung“ steht auf einem Transparent der Aktivisten. Und auf Spanisch, weil viele der Roma die Sprache sprechen: „Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden.“

Familie Stanescu hat vorsichtshalber ihre Sachen gepackt, in Plastiktüten und Kartons. Die Mutter läuft auf und ab und weint. Sie macht sich vor allem Sorgen um ihre krebskranke Tochter, deren Knieprothese dringend gewechselt werden müsste. Eine Entzündung droht. Am Ende bleibt die Familie von den Räumungen verschont.

„Wir leisten lediglich Vollzugshilfe“, sagt ein Beamter, als er von einem Mitglied des Sozialforums gefragt wird, wie er „so etwas“ tun könne. „Und was passiert mit den Menschen? Das ist doch das Problem, dass jeder die Verantwortung weiterschiebt!“, schreit der Aktivist.

Kurz darauf geht es, trotz der Proteste, los. Polizisten postieren sich vor dem Hauseingang, Vermieter und Gerichtsvollzieher gehen hinein und räumen die Wohnung. Danach wird das Schloss ausgewechselt. Diese Prozedur wiederholt sich in mehreren Häusern.

Zu denen, die bis zum Schluss in ihrer Wohnung geblieben sind, gehört eine fünfköpfige Familie aus Bukarest. Vor zwei Jahren sind sie nach Deutschland gekommen. Zwei, vier und sechs Jahre alt sind die Kinder. Die kleine Tochter hält eines ihrer Lieblingsstofftiere fest, einen Hasen. Die Eltern haben nur das Nötigste gepackt. Tränen fließen nicht, vielmehr ist die Familie froh, dass sie nicht mehr in der Daimlerstraße leben wird. „Das hier ist eine Katastrophe“, sagt der Vater, der als Schrotthändler arbeitet. „Überall Müll. Wir hatten lange kein Wasser und keine Heizung. Und ich soll hier 840 Euro für drei Zimmer zahlen!“ Jetzt sei „alles in Ordnung“, sagt er und schaut entschlossen. „Wir gehen ins Rathaus und kriegen eine neue Wohnung.“ Er hofft, bald ein besseres Leben zu führen, in einem besseren Viertel.

Unterstützer des Sozialforums liefern sich immer wieder Wortgefechte mit Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel (SPD), der auch vor Ort ist. Die Stadt Hanau habe die Betroffenen im Ungewissen gelassen. Ihnen nicht gesagt, dass sie ihnen eine neue Bleibe zur Verfügung stellen wird. Die Diskussion ist hitzig: „Sie würden diese Menschen am liebsten sofort loswerden“, lautet ein Vorwurf. Weitere folgen: Die Stadt habe zu spät auf die drohenden Räumungen reagiert und sollte besser Geld für soziale Projekte in der Daimlerstraße ausgeben, statt „Millionen für einen sinnlosen Stadtumbau und immer neue Einkaufszentren zu verschwenden, die keiner braucht“. Weiss-Thiel wehrt sich gegen die Kritik. „Die Familien, die heute ausziehen mussten, wussten sehr wohl, dass wir Wohnungen für sie haben.“ Die Stadt kümmere sich seit Wochen um Unterkünfte und engagiere sich intensiv in der Daimlerstraße, mache zum Beispiel aufsuchende Sozialarbeit. „Aber das braucht Zeit“, sagt Weiss-Thiel und betont: „Das Haus ist in Privatbesitz, wir haben hier nur begrenzten Einfluss.“ Er sei sauer, sagt Weiss-Thiel. Auf das Land, den Bund und die EU, „die uns mit diesen Problemen alleine lassen“. Und auf den Vermieter, der nur an Profit interessiert sei und erst aktiv werde, wenn das Geld nicht mehr fließt.

Die Betroffenen seien „integrationswillig“

Einige Nachbarn freuen sich über die Zwangsräumungen. „Es wird Zeit, dass etwas passiert“, sagt ein Mann, der seit 13 Jahren in der Straße wohnt. „Der Krach ist nicht auszuhalten. Und meine Frau wurde schon zwei Mal überfallen.“ Für ihn steht fest: „Bevor diese Leute gekommen sind, war hier alles besser.“ Der Hauseigentümer sieht sich im Recht: Wegen ausgebliebener Mieten und nicht gezahlter Nebenkosten habe er Schulden machen müssen, sagt er. Er habe nur einige der Zuwanderer einziehen lassen, weil ein Unternehmer Fahrer aus Rumänien einstellen wollte. Ein großer Teil der Bewohner sei später illegal eingezogen.

Gut anderthalb Stunden dauert die Räumung. Zwei Familien müssen letzten Endes ihre Wohnung verlassen, eine darf erst mal bleiben, weil es einen Formfehler gab. „Wir haben für alle neue Wohnungen in der Innenstadt gefunden, so dass die Kinder an ihren Schulen bleiben können“, sagt Weiss-Thiel. Die Betroffenen seien „integrationswillig“ und wollten in Hanau Fuß fassen. „Wir werden sie unterstützen“, verspricht der Dezernent und fügt hinzu, dass die Familie ab 2014 leichter auf eigenen Füßen stehen könne, weil Rumänen dann Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt genießen.

Es waren nicht die letzten Zwangsräumungen in der Daimlerstraße, 20 bis 30 weitere stehen in den nächsten Wochen an.

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