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Provokation statt Politik

Main-Kinzig Rechte Umtriebe in Bruchköbel / Verfassungsschutz will weder unterschätzen noch dramatisieren

Von Jörg Andersson

Im Dunkeln waren die jungen Männer schwer auszumachen. Etwa ein halbes Dutzend sollen es gewesen sein, die am vergangenen Wochenende durch Niederissigheim zogen. „Rote Brut, verrecke“, tönte es zu nächtlicher Stunde im Spessartring, berichten Beobachter. Tags darauf waren Stromkästen und Bushaltestellen mit Hetzparolen beschmiert. Auf Schildern und Straßenlaternen pappten NPD-Aufkleber und rassistische Sticker.

Es war nicht der erste Auftritten der rechtsextremen Gruppe im 2500-Einwohner-Dorf. „Uns sind einige Vorfälle im August bekannt“, bestätigt das Polizeipräsidium. „Wir sind wachsam“, beteuert Pressesprecher Henry Faltin, während Anwohner klagen: „Die Polizei tut nichts.“ Hartnäckig hält sich in Bruchköbel eine rechte Szene, die schon Ende 2000 Kommunalpolitiker, Lehrer, Kirchenvertreter und Vereine herausforderte und die Abteilung Staatsschutz zu internen Berichten über politisch motivierte Jugendkriminalität veranlasste.

Zur Provokation trägt eine antifaschistische Gruppe aus dem Umfeld des autonomen Kulturzentrums in der Hanauer Metzgerstraße bei. Mit Flugblättern wurden rechte Aktivisten geoutet – im Februar ein 17-jähriger Schüler aus Maintal, zuletzt ein junger Mann aus Oberissigheim, der seine Lehrstelle bei der Kreisverwaltung verlor. „Der Konflikt schaukelt sich weiter hoch“, sagt ein Niederissigheimer.

Viele Aktivisten

„Erstaunt über den latenten, kriminellen Rechtsextremismus“, hat der CDU-Landtagsabgeordnete Aloys Lenz am Montagabend einen „Profi“ zu Wort kommen lassen. „Wir haben die Situation im Blick“, bestätigte Roland Johne vom Landesamt für Verfassungsschutz im Bürgerhaus Wolfgang die Umtriebe einer „relativ hohen Zahl von Neonazi-Aktivisten in Bruchköbel“, die im März auch rechtsradikale Fackelmärsche in Bergen-Enkheim flankierten.

Gewaltpotential entfachten die sogenannten Freien Nationalisten Rhein-Main in der Regel dann, wenn es zu gezielten Provokationen und Zusammentreffen mit der Linken Szene komme, so der Verfassungsschutz-Experte. Johne macht in Bruchköbel viele „typisch“ rechtsextreme Erscheinungen aus: eine Gruppe von „jungen, schnell mobilisierbaren Leuten“, die meisten kaum älter als Mitte zwanzig. Kontinuität in den Führungsstrukturen gebe es nicht. So hat sich die Szene, die anfänglich noch in Springerstiefeln und kahlgeschoren in Erscheinung trat, personell und äußerlich gewandelt. Vielfach beschleunigten ein beruflicher Einschnitt oder eine Freundin den Austritt aus der Szene, die mittlerweile in Jeans und Turnschuhen daherkomme und allenfalls noch an T-Shirt-Aufschriften zu erkennen sei.

Provokationen statt Politik: auf dem Stimmzettel blieb das Engagement ohne große Resonanz. Während die NPD bei der Landtagswahl 2008 in einigen Dörfern im Südosten des Kreises zweistellige Ergebnisse erzielte, kam sie in Bruchköbel trotz der forschen Töne des damaligen Orstverbandsvorsitzenden nur auf ein Prozent.

„Eine sonderlich große Gefahr“ sieht Johne in der Bruchköbler Szene nicht, deren Langlebigkeit ihn allerdings erstaunt. Bemerkenswerterweise fänden die Rechtextremen trotz hoher Fluktuation stets neue Anhänger. Andernorts seien NPD-Erfolge vielfach vorübergehende Erscheinungen, mit Personen und deren Reputation verbunden; Stichwort „Wölfersheim“. „Das sind Ausreißer, die uns nur bedingt Sorgen bereiten“, urteilt der Verfassungsschützer. Unterschätzt werde das rechte Potenzial nicht, versichert Johne nochmals und verweist auf den „Freien Widerstand“ im Osten des Main-Kinzig-Kreises. Der pflegt Kontakte zur NPD: im Spessartdorf Steinau-Marjoß kandidierte der stellvertretende Kreisvorsitzende Ende März für den Ortsbeirat und erhielt immerhin über acht Prozent. Eine Handvoll Aktivisten treffen sich in dem 1000-Einwohner-Ort, in dem auch der Bürgermeister und der Landtagsabgeordnete der SPD wohnen. „Wie kann man die Dorfgemeinschaft für das Thema sensibilisieren, ohne es zu dramatisieren und den Ruf des Dorfes zu ramponieren?“, fragen sich Walter Strauch und Heinz Lotz.

„Die Szene ist nicht zu verharmlosen“, betont Experte Roland Johne. Andererseits sei Marjoß deshalb „kein braunes Nest“.

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