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Hanau

Zeuge wandert in Beugehaft

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Ein Zeuge belastet einen Angeklagten in einer polizeilichen wie auch in einer richterlichen Vernehmung schwer, will sich aber nun an nichts erinnern. Zudem verhält er sich gegenüber dem Gericht geringschätzend. Jetzt muss er in Beugehaft.

Aus dem Gerichtssaal direkt in den Knast, nicht der Angeklagte, sondern ein Zeuge: Gestern wurde es der vorsitzenden Richterin Susanne Wetzel am dritten Hauptverhandlungstag vor der zweiten großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts gegen einen 26-jährigen Gelnhäuser wegen fünf bewaffneter Raubüberfälle endgültig zu bunt. Sie schickte einen eigentlich als Zeugen geladenen 24-Jährigen in Beugehaft. Die dauert nach Paragraf 70, Absatz 2 der Strafprozessordnung mindestens bis Ende des Verfahrens und höchstens sechs Monate.

Der 26-Jährige muss sich wegen Raubüberfällen auf einen Rewe-Markt in Altenhaßlau, eine Spielothek sowie Tankstellen in Gelnhausen in den Jahren 2013 und 2014 verantworten. Eine Shell-Tankstelle überfiel er gleich zweimal. Er streitet alles ab. Der 24-jährige Türke hatte den Angeklagten in einer polizeilichen wie auch in einer richterlichen Vernehmung schwer belastet, will sich aber nun an nichts erinnern. Obwohl alles aktenkundig dokumentiert, von ihm unterzeichnet und bestätigt ist.

Zudem macht der junge Mann aus seiner Geringschätzung und Verachtung gegenüber den Richterinnen und der Staatsanwältin keinen Hehl, sitzt kaugummikauend, breitbeinig und mit verschränkten Armen vor der Kammer, gibt pampige Antworten, redet immer wieder dazwischen. „Isch war besoffe, isch weiß gar nit, was hier abgeht, isch sag gar nix“, gibt er wie bereits am zweiten Verhandlungstag erneut zum Besten, was alle Verfahrensbeteiligten zunehmend nervt. Die Richterin ruft ihn wiederholt zur Ordnung. Er bleibt dabei: Er könne sich nicht daran erinnern, was er in den Vernehmungen gesagt habe, und wenn, dann sei es falsch.

Der Mann macht systematisch auf dumm

Wenn er wisse, dass es falsch sei, müsse er sich doch erinnern, was er gesagt habe, hakt die Richterin nach, ohne dabei die Contenance zu verlieren, was nachvollziehbar wäre. Fehlanzeige: Der Mann macht systematisch auf dumm. Wenn man nicht vermuten müsste, dass er es ist.

Der Angeklagte wie die meisten Zeugen kommen aus dem Milieu türkischer Jung-Männer, was die Verhandlung für die vorsitzende Richterin und ihre beisitzende Kollegin mitunter nicht einfach macht. „Wir sind halt Frauen“, so Wetzel zur FR.

Es gilt, ein Geflecht um Bargeld-Hin-und-Her, Schulden und deren Begleichung sowie die Beziehungen der Beteiligten untereinander zu ergründen. Und um die Frage, in welchen finanziellen Verhältnissen der Angeklagte eigentlich lebte und wie er zu dem Geld gekommen ist. Zwei Cousins werden als Zeugen befragt, sie hatten den 26-jährigen immer wieder angepumpt.

Auch die 58-jährige Zeugin, die die beiden Überfälle auf die Shell-Tankstelle in Gelnhausen am 27. März und 5. Mai 2014 miterleben musste, mit der Waffe bedroht wurde und seitdem unter einer ärztlich attestierten posttraumatischen Belastungsstörung leidet, wird angehört – und zwar per audiovisueller Videoübertragung aus dem Nebenraum. Denn sie hat Angst, fühlt sich bedroht, will dem Angeklagten nicht direkt begegnen. Sie trägt sogar eine schusssichere Weste in Bundeswehr-Camouflage. Die Frau hatte erklärt, dass ihr der damals vermummte Täter, der laut ihrer Aussage bei beiden Tankstellenüberfällen derselbe war, bekannt vorkomme. An seiner Statur, seiner Größe, seinem Gang, ja, es könne ihr damaliger Nachbar gewesen sein.

Die Hauptverhandlung wird am Montag, 25. Januar, 9.30 Uhr in Saal A 215 des Hanauer Landgerichts fortgesetzt.

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