Main-Kinzig

„Frühe Sanktionen und intensive Sozialarbeit wirken“

  • schließen

Die beiden Bewährungshelfer Volker Nimrich und Frank Seifert sprechen im FR-Interview über auffällige Jugendliche, Gewaltvorbeugung und sozialpädagogisches Stehvermögen.

Herr Nimrich, Herr Seifert, einige Gegenden in Hanau und Umgebung – nicht zuletzt in Erlensee – werden von besorgten Bürgern als ziemlich gefährlich eingestuft. Die Jugendkriminalität habe stark zugenommen, so der Eindruck. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Seifert: Es gibt keinen Grund zur Panik. Die Jugendkriminalität ist in den vergangenen Jahren sogar etwas zurückgegangen: Die Zahl der Anzeigen gegen junge Menschen ist leicht gesunken. Von unseren insgesamt etwa 650 Probanden – so nennen wir die Menschen, die wir als Bewährungshelfer begleiten – sind cirka 135 Jugendliche. Der Anteil ist seit Jahren recht konstant.
Nimrich: In Erlensee hat sich die Situation in den vergangenen Monaten deutlich gebessert. Die Entwicklung dort zeigt: Eine Mischung aus angemessenen Strafen, die den mutmaßlichen Tätern und Mitläufern klare Grenzen setzen, und nachhaltigen sozialpädagogischen Angeboten, die sie wieder auf den richtigen Weg bringen, ist ein wirksames Mittel gegen Jugendkriminalität.

Wie arbeiten Sie mit Straffälligen?
Nimrich: Wir sammeln zunächst alle Informationen über den Probanden und werten sie aus: etwa seine Vorgeschichte, die Taten beziehungsweise die Vorwürfe, die Auflagen und Weisungen des Gerichts. Dann treffen wir uns mit dem Probanden regelmäßig und sprechen sehr viel miteinander. Wir bearbeiten alle Themen, die die Straffälligen beschäftigen. Wir sprechen darüber, wie es zu der Tat kommen konnte, und vor allem wie sich ein Rückfall verhindern lässt. Wir arbeiten lösungsorientiert und überlegen, wie der Proband die Vorgaben der Justiz umsetzen kann, beispielsweise einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie können wir die sogenannten protektiven Faktoren stärken, die den Probanden vor einem erneuten Abgleiten in die Kriminalität schützen?
Seifert: Im Schnitt kümmern wir uns drei Jahre um einen Probanden, können also nachhaltig arbeiten. Die Häufigkeit der Treffen hängt davon ab, wie hoch das Rückfallrisiko eingeschätzt wird. Wir sind nicht auf uns alleine gestellt, sondern greifen auf ein engmaschiges Netzwerk zurück: Suchttherapeuten, Psychotherapeuten, Schuldnerberater, Konflikttrainer, ehrenamtliche Begleiter und viele andere. Gemeinsam versuchen wir, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Wir wollen den richtigen Rahmen schaffen, damit der Proband lernt, Konflikte künftig ruhig und sachlich zu lösen, vorhandene Suchtproblematiken in den Griff zu bekommen oder seine Schulden nach und nach abzubauen.

Worauf legen Sie bei Ihrer Arbeit mit den Menschen einen besonderen Wert?
Nimrich: Dem Menschen begegnen, die Tat ablehnen – das ist unser Grundsatz. Darüber hinaus kommt es darauf an, dass wir den Spagat zwischen Kontrolle und Vertrauen schaffen. Also einerseits die Regeln transparent machen und schauen, dass sie eingehalten werden, und andererseits einen Vertrauensvorschuss geben.
Seifert: Wir vermitteln unseren Probanden: Du bist okay, aber dein Verhalten ist nicht okay. Eine empathische Gesprächsführung, Offenheit und Aufrichtigkeit sind weitere Prinzipien. Nur wenn wir klare Ansagen und keine falschen Versprechungen machen, kann eine stabile Beziehung zwischen uns und dem Probanden entstehen. Wir treffen genaue Vereinbarungen über die nächsten Schritte, die der Proband bis zum nächsten Treffen gehen soll.

Was erhöht bei jungen Menschen die Wahrscheinlichkeit, dass sie kriminell werden?
Seifert: Wer Opfer von Gewalt geworden ist, hat ein um den Faktor sieben erhöhtes Risiko, selbst gewalttätig zu werden. Auch Schulden führen oft dazu, dass Menschen kriminell werden. Ein Drittel unserer Probanden ist hoch verschuldet, viele sind spielsüchtig. Ein schlechtes Umfeld und Misserfolg in Schule oder Beruf wirken sich ebenfalls negativ aus. Einen ganz wesentlichen Einfluss hat die Familie: Wer als Heranwachsender Zuhause nicht erfahren hat, wie man Konflikte gewaltfrei klären und Probleme geduldig, aber beharrlich lösen kann, hat es deutlich schwerer.

Sie sind seit vielen Jahren Bewährungshelfer. Haben Sie in der Zeit Veränderungen beobachtet?
Nimrich: Wir stellen bei unseren Probanden einen etwas größeren Hang zur Kurzfristigkeit und Unverbindlichkeit fest als früher. Das hängt auch mit der enormen Bedeutung sozialer Netzwerke und des Smartphones zusammen. Es ist zum Beispiel gang und gäbe, an einem Freitagabend vier Optionen für eine Verabredung zu haben – und sich diese bis zuletzt offen zu halten. Verbindlichkeit wird dadurch nicht gefördert.

Wie könnten Vorfälle wie in Erlensee verhindert werden?
Seifert: Solche Schwierigkeiten mit jugendlichen Gruppen hat es – phasenweise – immer wieder mal gegeben, etwa am Hanauer Freiheitsplatz oder in Nidderau. Diese Häufungen werden sich nie ganz verhindern lassen, allerdings waren sie auch nie von langer Dauer. Sehr viele Jugendliche werden irgendwann auf irgendeine Weise auffällig, das Erwachsenwerden läuft eben nicht ohne Konflikte ab. Nach der ersten Reaktion von Polizei und Justiz bleibt Straffälligkeit bei fast 98 Prozent der jungen Täter ein einmaliges Ereignis. Wenn ein schwieriges soziales Umfeld und eine negative Gruppendynamik hinzukommen, können die Probleme teilweise ausufern. Das passiert gerade dann, wenn es in den Gruppen schlechte Vorbilder gibt, die auf die anderen Jugendlichen charismatisch wirken und sie leicht beeinflussen können. Frühzeitige, angemessene Sanktionen und eine intensive Sozialarbeit können dieser Einflussnahme aber gut entgegenwirken. Wichtig ist auch, die Erziehungskompetenz der Eltern gleichzeitig zu stärken.
Nimrich: Das Gemeinwesen fördern und Netzwerke schaffen – das kann auch in vermeintlichen Problemgegenden viel bewirken. Wo ein sozialer Kitt da ist, ist in der Regel weniger Kriminalität. Kontraproduktiv sind schnelle Gefängnisstrafen. In Haft rutschen viele Jugendliche nur noch weiter ab. Erst wenn die ambulanten Maßnahmen bis hin zum Warnschussarrest ausgeschöpft wurden, sollte diese Strafe ausgesprochen und verhängt werden.

Interview: Gregor Haschnik

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare