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Vor dem Hanauer Landgericht muss sich seit gestern ein 25-Jähriger wegen versuchter Tötung verantworten.

Hanau

„Bist Du immer noch nicht tot?“

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Ein 25-Jähriger steht wegen des Tötungsversuchs an seiner Ex-Frau vor Gericht. Der Angeklagte äußerte sich nicht. Die Verhandlung wird am 19. Januar fortgesetzt.

Wie ein scheues Reh verharrt der 25-Jährige im Aufgang zum Verhandlungssaal. Gutes Zureden von Richter Peter Graßmück oder den Wachleuten hilft nicht. „Die Kameras müssen weg“, lautet die Forderung des Angeklagten, die nach einem Hin und Her erfüllt wird. Einem Journalisten schnauzt er noch zu: „Handy einstecken!“ Dann geht der Prozess los. Der Hanauer muss sich seit gestern vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Hanau wegen versuchtem Totschlag an seiner früheren Frau verantworten. Nach der Trennung hatte er im Juli 2015 seine Ex aufgesucht. Es kam zu einem Streit, bei dem der Mann die 27-Jährige mit einem Messer schwer verletzte.

Die Geschädigte und der Angeklagte hatten sich 2007 bei der Arbeit in einem Behindertenbetrieb kennengelernt. Es wurde bald geheiratet, und 2011 kam die gemeinsame Tochter zur Welt.

Mit der Harmonie soll es laut der Frau schon zu diesem Zeitpunkt vorbei gewesen sein. Streitereien, die mutmaßlich in Schlägen von ihm gipfelten, gehörten mindestens einmal im Monat zum Eheleben. „Ich hatte danach immer blaue Flecken“, sagt sie. Er habe sich wenig um die Tochter gekümmert und sich statt dessen für Handys oder Laptops interessiert – und dafür Geld ausgegeben, dass sie ihm habe geben müssen, sagt die Frau. Sie habe immer seiner Forderung nachgegeben, weil sie allein in Deutschland sei, sagt die Frau, deren Eltern in der Türkei leben.

Das Jugendamt hatte 2013 das kleine Kind ob der prekären Verhältnisse aus der Familie heraus genommen und in eine Pflegefamilie geben. Die Hintergründe kamen vor Gericht nur vage zur Sprache, so soll etwa der Vater das Bett des Kindes zertrümmert haben. Auch hatten die Eltern keine Arbeit mehr. Wie die Frau berichtet, soll der Vater das Kind zudem mal geschlagen haben.

Nachdem das Kind von Amtswegen aus der Wohnung geholt worden war, zog die Frau auch aus, zunächst in ein Hanauer Obdachlosenhotel, wie sie sagt, dann in eine Wohngemeinschaft mit einer Freundin in der Nordstraße. Sie habe sich auch wieder eine Arbeit gesucht.

Hausverbot zwei Tage vor der Tat

Am 26. Juli kam es dort am Abend zu der Auseinandersetzung, bei der der Mann mutmaßlich versuchte, die Frau zu töten. Zwei Tage zuvor hatte die Polizei gegen ihn ein Hausverbot ausgesprochen. Er gelangte am Tattag dennoch in die Wohnung und versteckte sich in der Toilette. „Plötzlich stand er hinter mir“, sagt die Frau. Er habe versucht, sie gewaltsam zu küssen und zum Sex zu zwingen. Im Gegensatz zu vorherigen Treffen nach der Trennung hatte sie sich diesmal verweigert.

Sie sei dann auf das Bett in ihrem Zimmer geworfen und mit einem Kartoffelmesser bedroht worden. Mit Gegenwehr habe sie sich befreien können. Der Mann habe sie jedoch an den Haaren gehalten, um ihr dann von hinten in den Hals zu schneiden und stechen. Neun Wunden wurden der Frau an Hals- und Brust zugefügt, laut Arztbericht. Im Kampf stürzte die Frau zu Boden, dort soll er sie gewürgt und gerufen haben: „Bist Du immer noch nicht tot?“ Als er in die Küche stürmte, um sich ein anderes Messer zu holen, nutzte die Frau dies zur Flucht in das Zimmer der Mitbewohnerin, so die Schilderung der Geschädigten.

Der Angeklagte äußerte sich nicht. Laut seinem Betreuer soll er leichte kognitive Störungen und ein aggressives Auftreten haben, was sich auch in der Verhandlung in den scharfen Zwischenrufen wie „sie soll die Wahrheit sagen“ zeigte.

Prozessfortgang ist am 19. Januar, 8.159 Uhr, Saal 215.

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