Hanau

Alkoholrausch vorgeschoben

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Zeuge will sich nicht erinnern. Dabei war der junge Mann geladen, weil er den Angeklagten damals schwer belastet hatte. Ein 26-Jähriger steht wegen mehrerer Raubüberfälle vor Gericht.

Er sei „total besoffen“ gewesen, „völlig weg“, habe eigentlich geschlafen, könne sich nicht daran erinnern weder in der polizeilichen, noch in der richterlichen Vernehmung unmittelbar nach dem Raubüberfall auf den Rewe-Markt in Altenhaßlau etwas ausgesagt zu haben. Und wenn, dann stimme das nicht. Überhaupt: Unterschrieben habe er gar nix. Dabei liegen alle Protokolle vor, von ihm zur Kenntnis genommen, bestätigt und unterschrieben.

Was ein 24-Jähriger gestern als Zeuge der zweiten großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts im Prozess gegen einen 26-Jährigen wegen mehrerer Raubüberfälle auf den Rewe-Markt, eine Spielothek und Tankstellen in Gelnhausen weißzumachen versuchte, ließ selbst die souveräne vorsitzende Richterin Susanne Wetzel für ihre Verhältnisse aus der Haut fahren.

Angeklagter ursprünglich massiv belastet

Das sei eine Schutzbehauptung, „Sie haben keinen Bock hier auszusagen.“ Dabei war der junge Mann geladen, weil er den Angeklagten damals schwer belastet hatte. Nachdem er aber wiederholt dazwischenredet, Antworten auf Fragen gibt, die niemand stellt, geschweige denn interessieren, bricht die Richterin die Anhörung ab. Nicht ohne an die Staatsanwaltschaft zu appellieren, wegen uneidlicher Falschaussage gegen den Mann zu ermitteln.

Dass er an jenem Morgen nach der Tat einen ganz normalen, nüchternen Eindruck machte, erklärt einer der Ermittler als Zeuge kurz danach. Der junge Mann wird nun für kommenden Montag mit einem Zeugenbeistand erneut geladen. Wesentlichster Erkenntnisgewinn des zweiten Verhandlungstages ist dank Aussage eines Spurensicherungsexperten immerhin, dass ein sichergestellter Handabdruck an der Plexiglasscheibe der Kassenbox des Rewe-Markts eindeutig dem Angeklagten zuzuordnen ist.

Zeuge könnte unter Druck gesetzt worden sein

„Es wird eng für Sie“, redet die Richterin dem 26-jährigen darauf ins Gewissen. Der macht aber weiterhin einen selbstbewussten und unbekümmerten Eindruck, feixt immer wieder nonverbal mit Kumpels in den Zuschauerreihen. Die Kammer muss mehrere Überfälle beleuchten, ergründen, wer ich mit wem verabredet, etwa wessen Mobiltelefon wann wo in welchem Funkfenster eingeloggt war, ob es zumindest „Absprachen zu einer Straftat“ gegeben hat. Sie hat es dabei mit dem Milieu junger Männer türkischer Herkunft zu tun.

Es ist kompliziert, einige Verfahren mussten mangels Beweisen eingestellt werden, so auch das gegen den angeblich betrunkenen Zeugen, der in einem anderen Fall tatverdächtig war. Gegenüber der FR mutmaßt die Richterin, der Belastungszeuge könne bedroht worden sein, und könne deshalb die unglaubwürdige Show mit dem Betrunkengewesensein abzogen haben – möglicherweise von den jungen Herren die im Publikum saßen und die der Angeklagte auf Nachfrage der Richterin „vom Sehen her“ kennt.

Die Verhandlung wird am Montag, 18. Januar, 9.30 Uhr in Saal A215 des Hanauer Landgerichts fortgesetzt

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