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Die Rückseite des Gebäudes am Hafentor ist marode.

Interview Sozialer Wohnungsbau

"Nur ein Tropfen auf den heißen Stein"

Abriss von Sozialwohnungen, Verkäuf an stark profitorientierte Investoren - die Politik verschäft die angespannte Situation auf dem Mietmarkt, sagt Aktivistin Andrea Gonzáles.

Frau Guevara, die Landesregierung hat eine Liste mit 23 Kommunen veröffentlicht, in denen die Mietpreisbremse eingeführt werden soll. Hanau ist nicht darunter. Was halten Sie davon?

Das ist völlig unverständlich. Die Lage auf dem Hanauer Wohnungsmarkt ist angespannt: Menschen mit niedrigen, aber auch mit mittleren Einkommen haben immer mehr Schwierigkeiten, Wohnungen zu bezahlbaren Preisen zu finden. Durch den Bau der EZB und die noch schwierigere Marktlage in Frankfurt dürfte sich die Situation drastisch verschärfen. Es ist unklar, nach welchen Kriterien die Liste für die Mietpreisbremse erstellt wurde. Das Land muss das dazugehörige Gutachten veröffentlichen.

Weshalb kommen Sie zu dem Schluss, dass die Situation in Hanau schwierig ist?

1987 gab es in Hanau noch etwa 7600 Sozialwohnungen, heute sind es 2300. Jedes Jahr fallen weitere Wohnungen aus der Bindung. Dabei haben etwa ein Drittel aller Haushalte Anspruch auf geförderten Wohnraum. Und wer sich die Entwicklung in der Stadt anschaut, sieht einen klaren Trend: Günstige Mietwohnungen werden entweder abgerissen oder an stark profitorientierte Investoren verkauft oder saniert und zu einem deutlich höheren Preis vermietet. Im Gegenzug entstehen viele teure Eigentumswohnungen. Die Stadt will offenbar reiche Neubürger anziehen und vergisst dabei die Ärmeren.

Woran machen Sie das fest?

Ich nenne nur ein paar Beispiele: Im Westkarree fallen nach Abriss und Verkauf etwa 170 günstige Wohnungen der Baugesellschaft weg, im Ostkarree sind es fast 80. Im Freigerichtviertel hat Deutsche Wohnen saniert und vermietet zu einem Preis, der teilweise bei zehn Euro pro Quadratmeter liegt. In Kaufobjekten wie dem Lehrhöfer Park wiederum kostet der Quadratmeter um die 3500 Euro. Die Wohnungen der Baugesellschaft in der Badergasse, Metzgerstraße und Louise-Schröder-Straße sind nach der Sanierung deutlich teurer. Da ist nichts für Menschen dabei, die zu Niedriglöhnen arbeiten müssen oder Hartz-IV bekommen. Auf dem früheren US-Kasernengelände Sportfield Housing sollten ja günstige Wohnungen entstehen. Jetzt heißt es, der Lärm und Geruch von Dunlop ließen dies nicht zu. Das wundert mich sehr.

"HBB darf schalten und walten"

Die Stadt argumentiert, dass sie auch deshalb vermögende Bürger sowie Unternehmen und Geschäfte nach Hanau holen müsse, um mit den Steuern soziale Angebote für Ärmere mitzufinanzieren. Der Stadtumbau werde langfristig viel Geld in die Stadtkasse spülen.

Ein Problem dabei ist, dass auch andere Städte in der Umgebung diese Strategie fahren, zum Beispiel Offenbach und Frankfurt. Hanau könnte der Verlierer in diesem Spiel sein. Statt 30 Millionen für den Stadtumbau auszugeben, sollte die Stadt in sozialen Wohnungsbau investieren. Auf dem Freiheitsplatz lässt die Stadtspitze den Investor HBB schalten und walten – und zahlt ihm später auch noch 1,5 Millionen Euro Miete für die Bibliothek. Pro Jahr! Das tut der HBB gut, nicht aber den Hanauern. Außerdem darf es nicht sein, dass eine Stadt ärmere Bürger bei ihrer Wohnungspolitik vernachlässigt. Wohnen ist ein Menschenrecht. Und wo sollen die Menschen hin? In der Umgebung, etwa in Maintal, sind die Mieten mindestens genauso hoch. Man muss schon ziemlich weit weg ziehen, um deutlich weniger für eine Wohnung zu bezahlen.

Sie kritisieren auch das Handeln der Baugesellschaft, etwa im Westkarree. Weshalb?

Dort wurden jahrelang Sanierungen angekündigt. Passiert ist fast nichts. Und plötzlich hieß es, eine Sanierung sei zu teuer, man sei gezwungen abzureißen und das Grundstück zu verkaufen. Das hat die Baugesellschaft dann – zu einem investorenfreundlichen Preis – getan. Andernorts hat die Erneuerung geklappt, etwa in der Badergasse. Wieso ist dies nicht im Westkarree gelungen? Unserer Meinung nach kann es auch nicht sein, dass die Baugesellschaft so viel Geld für Sponsoring ausgibt, während viele Menschen auf der Warteliste der Baugesellschaft stehen.

Sie sagen, Hanau brauche viele Sozialwohnungen. Warum?

Etwa 10 000 Hanauer beziehen Hartz-IV, 2000 gehen zur Hanauer Tafel. Wie Studien der IHK zeigen, ist die Kaufkraft in Hanau in den vergangenen Jahren gesunken. Mitglieder unseres runden Tisches sind in der Sozialarbeit aktiv. Sie berichten immer wieder davon, wie schwierig es ist, Wohnungen zu finden, die die strengen Vorgaben des Jobcenters erfüllen. In der Weststadt wohnen viele Hartz-IV-Empfänger in zu kleinen Wohnungen. Die Kinder dort können nicht in Ruhe ihre Hausaufgaben machen, haben kaum Freiraum. Das kann zu Problemen führen, die hohe soziale Folgekosten nach sich ziehen. Ältere Menschen sind ebenfalls besonders betroffen. Sie haben Probleme, die hohen Mieten zu zahlen, schämen sich aber oft, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Also sparen sie sich das Geld regelrecht vom Munde ab oder verzichten auf andere Dinge.

Was fordern Sie?

Eine Mietpreisbremse ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir brauchen einen Mietpreisstopp. Darüber hinaus sollte in Ballungsgebieten etwa ein Drittel der Wohnungen gefördert werden. Und der Mieterbund sollte die Interessen der Bewohner – auch in Hanau – konsequenter vertreten, auch politisch.

Interview: Gregor Haschnik

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