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Der Leiter der Bildstelle Hanau Werner Roeder (hinten) und der Hanauer Stadtfotograf der Lichtbildner Roland von Gottschalck (an der Kamera im Archiv der Bildstelle).

75 Jahre Medienzentrum und Bildstelle Hanau

Ein Fotograf, der nicht wertet

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Franz Weber dokumentierte die Deportation der Juden. Seine Bilder finden sich heute im Holocaust-Museum. Der Grundschullehrer war Autodidakt und schuf den Grundstock für die Stadtbildstelle.

Mit akkurater Lehrerschrift hat der ehemalige Hanauer Stadtfotograf Franz Weber in einem Tagebuch festgehalten, was er bei seiner Arbeit erlebt hat: So ist zu lesen, wie 1939 nach dem Aufenthalt von Saar-Flüchtlingen das Rathaus voller Flöhe gewesen sein soll. Oder wie es ihn schockierte, als 1945 die Überreste von 20 Leichen in einen Kindersarg gepackt wurden und ein Mitarbeiter des Bergungsteams ungerührt sein Frühstück verzehrte.

Andere Begebenheiten lassen eher schmunzeln: Als Weber den Weiher in Wilhelmsbad fotografieren wollte, schickte er einen Jungen, Brot zu holen - damit die Schwäne besser ins Bild kamen. Und liebenswert mutet auch seine ungeheure Vorfreude auf den Besuch des amerikanischen Präsidenten Kennedy 1963 an, für den sich der Stadtfotograf akkreditierte - auch wenn er nur in der zweiten Reihe stehen durfte.

Aus Webers Erinnerungen sprechen die Leidenschaft und das Herzblut, mit der er seiner Arbeit nachging: "Das war sein Leben", sagt Martin Hoppe, Vorsitzender des Geschichtsvereins, und Webers Sohn Gerhard ergänzt: "Das kam noch vor der Familie." Sein Vater war der erste Leiter der Hanauer Bildstelle, die er 1934 aufgebaut und bis zu seiner Pensionierung mit rund 50 000 Bildern bestückt hat.

Dabei war Weber als Fotograf ein Autodidakt, wie Roland von Gottschalck sagt, der heute für die Stadt mit der Kamera unterwegs ist. Denn eigentlich war Franz Weber Volksschullehrer, ein Beruf, den er parallel zu seiner Tätigkeit für die Bildstelle stets ausübte. Unterrichtet hat er an der heutigen Pestalozzi- und Gebeschusschule. Ein "liebevoller, verständnisvoller" Lehrer soll er gewesen sein, erinnert sich seine ehemalige Schülerin, die SPD-Stadtverordnete Waltraud Hoppe. 1928 erhielt er den Auftrag, für den Unterricht ein Fotoarchiv anzulegen - und schuf damit den Grundstock für die Stadtbildstelle.

Über die Grenzen Hanaus hinaus bekannt geworden sind die Fotografien Webers von der Deportation der Juden am Hauptbahnhof; ein Auftrag der nationalsozialistischenMachthaber, um zu belegen, dass die Stadt "judenfrei" ist. Die Bilder gelten heute als bedeutende Dokumente und finden sich sogar im Holocaust-Museum in Washington.

Ihr Wert hat auch mit ihrer Seltenheit zu tun: Denn in anderen Städten wurden die Bilder vor Kriegsende noch schnell vernichtet. Franz Weber allerdings brachte das nicht fertig: "Für ihn waren das Dokumente, die man nicht wegwarf", erklärt Hoppe. Wie alle Arbeiten Webers sind auch die Deporationsbilder technisch herausragend und von hoher Aussagekraft - ohne zu werten. Wie er zu dem Ungeheuerlichen stand, das er ablichtete, ist nicht abzulesen. "Ich glaube nicht, dass ihm die Dimension bewusst war", mutmaßt Geschichtsvereins-Vorsitzender Hoppe.

Zwar sei Weber als Lehrer Mitglied der NSDAP, aber nie ein fanatischer Nazi gewesen. "Ihm war immer nur das Fotografieren wichtig, über Konsequenzen hat er nie nachgedacht", sagt Sohn Gerhard. Von großem dokumentarischen Wert sind auch die Ansichten von fast allen Winkeln der Stadt, die Weber noch kurz vor der Zerstörung aufnahm: "Als hätte er geahnt, was kommen würde", sagt Hoppe.

In einem Luftschutzkeller in der Langstraße überstand Webers Archiv die Bombenangriffe. Nach dem Krieg hat der Fotograf die Ruinen und die Menschen in den Notunterkünften mit der Kamera festgehalten. Es sind eindrucksvolle Momentaufnahmen, die das ganze Können Webers offenbaren. Von Gottschalck schwärmt von der "Brillianz und Präzision" der Schwarz-Weiß-Bilder - vor allem jener, die Weber noch mit der Plattenkamera fotografiert hat. Später war er mit Fahrrad und Leica-Kleinbildkameras unterwegs.

Die beiden Apparate lagern heute in einem Tresor der Stadtbildstelle. 1966 ging Franz Weber in den Ruhestand - er soll allerdings noch jahrelang in seiner ehemaligen Wirkstätte regelmäßig nach dem Rechten gesehen haben. 1984 ist Franz Weber im Alter von 86 Jahren gestorben.

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