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Bunter Zug aus der Dose

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Joscha Geisler hat die Bahnhofsunterführung in Heldenbergen mit Graffitis versehen.
Joscha Geisler hat die Bahnhofsunterführung in Heldenbergen mit Graffitis versehen. © Renate Hoyer

Graffiti, ganz legal: Im Auftrag der Stadt hat der 18 Jahre alte Azubi Joscha Geiser die Heldenbergener Bahn-Unterführung neu gestaltet. Dass andere seine Bilder übersprayen, glaubt er nicht: „Unter den Sprühern gibt es einen Ehrenkodex.“

Von Rebekka Sambale

„Ich wollte kein Nullachtfünfzehn-Bild malen“, sagt Joscha Geisler. Und tatsächlich ist das verschmierte Grau der Nidderauer Bahnunterführung an einer Wand einer bunten und originellen Graffitiwelt gewichen. Der 18-jährige Auszubildende hat im Auftrag der Stadt und in Zusammenarbeit mit der Bertha-von-Suttner-Schule die Bahnunterführung im Stadtteil Heldenbergen neu gestaltet. Mit Graffiti – ganz legal.

Wer aus dem Zug steigt und die Treppenstufen heruntergeht, dem kommt dort direkt der nächste Zug entgegen – rein bildlich, versteht sich. Aus dem nachtschwarzen Tunnel taucht die Lokomotive auf und fährt direkt auf den Betrachter zu. Gesprühte Fahrgäste warten auf den Zug. Einer, in der Ecke kauernd, löst Kreuzworträtsel. Sogar die Mülleimer an der Wand passen farblich optimal ins Geschehen.

Daneben leuchten in Rot zwei gesprühte Fahrkarten-Automaten: die neuesten Modelle der Deutschen Bahn. Groß und zum Anfassen sucht man die Geräte am Nidderauer Bahnhof derzeit noch vergeblich.

Auch die Neugestaltung der Unterführung wollte die Deutsche Bahn nicht bezahlen, wie Stadträtin Monika Sperzel (SPD) sagt. Dabei gehöre die Anlage dem Unternehmen. Also hat die Stadt die Spraydosen im Wert von 600 Euro finanziert. Hinzu kamen Kosten für grundlegende Arbeiten, wie das Weißen der Fläche, übernommen vom städtischen Bauhof.

„Langweilig“ sei Geislers erster Entwurf gewesen, sagt Monika Sperzel im Nachhinein. Vor Ort änderte der Sprüher seine Pläne spontan und ergänzte fantasievolle Figuren, wie Johann Wolfgang von Goethe mit knallgrünem Kopf. „Mit meinen ersten Skizzen wären viele weiße Stellen zwischen den einzelnen Bildern gewesen“, erzählt Geisler. Das lade andere Sprayer zum eigenen Werkeln ein. Dass das nicht sehr ansehnlich ist, wird an der Wand gegenüber deutlich. Zwischen zahlreichen Graffiti-Schriftzügen sammeln sich Schimpfwort-Schmierereien mit Filzstift.

Passanten fürchten, dass dieses Unheil auch Geislers Bild droht. „Wenn einer anfängt, machen es alle nach“, sagt Ingrid Reichel. Sie wohnt in Nidderau und geht oft durch die Unterführung. Die Neugestaltung gefällt ihr sehr gut. „Besser als weiß“, sagt auch eine andere Frau im Vorbeigehen.

Joscha Geisler dagegen sorgt sich nicht um die Haltbarkeit seiner Bilder. „Unter den Sprühern gibt es einen Ehrenkodex“, erklärt er. Aufwendige Arbeiten anderer Sprüher werden nicht verunstaltet. Zumindest nicht, wenn sie mit einem sogenannten „tag“ versehen sind. „Tag“ kommt aus dem Englischen, bedeutet „beschildern“ und ist eine Art Unterschrift.

Legale Graffiti als „Kunstwerke im öffentlichen Raum“ kann sich Sperzel auch an anderen Stellen in Nidderau vorstellen. Am Schwimmbad, am Jugendzentrum „Blauhaus“ und am Friedhof gibt es sie bereits, die legalen Sprühereien. Konkret geplant seien keine weiteren Projekte, Sperzel wünscht sich aber eine Gestaltung der beiden Kopfseiten der Unterführung. Der Wunsch ist das eine, Geld das andere. Für weitere Graffiti-Projekte müssen Sponsoren her. An kreativen Ideen mangelt es hingegen nicht: „Ich wäre auf jeden Fall bereit, auch weitere Wände zu gestalten“, sagt der junge Künstler überzeugt.

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