Ludwig Emil Grimm und die Kulturpreisträgerin Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce alias Ink stellt das Brüder-Grimm-Haus in Steinau an der Straße gegenüber. Dabei ist eine Seelenverwandtschaft zu entdecken - über 200 Jahre hinweg.
+
Ludwig Emil Grimm und die Kulturpreisträgerin Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce alias Ink stellt das Brüder-Grimm-Haus in Steinau an der Straße gegenüber. Dabei ist eine Seelenverwandtschaft zu entdecken - über 200 Jahre hinweg.

Steinau

Gesichter voller Seele

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
    schließen

Ludwig Emil Grimm und die Kulturpreisträgerin Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce alias Ink stellt das Brüder-Grimm-Haus gegenüber. Pamela Dörhöfer entdeckt eine Seelenverwandtschaft - über 200 Jahre hinweg.

Die Parallelen sind frappierend: Vroni aus dem Jossgrund, der gute Geist des Ortes, blickt mit ihren gütigen Augen, der langen Nase und der Lockenwickler-Pracht so liebenswert in die Welt wie 200 Jahre vorher die Maria Göbel aus Steinau.

Verwandt sind die beiden Frauen nicht, eigentlich haben sie gar nichts miteinander zu tun - außer der augenscheinlichen Ähnlichkeit und der Art, wie Künstler sie porträtierten: Maria Göbel wurde von Ludwig Emil Grimm gezeichnet, die Vroni von "Ink" - bürgerlich Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce, und seit 2009 Trägerin des Main-Kinzig-Kulturpreises.

Die Werke beider Künstler werden einander gegenübergestellt in der Ausstellung "Ink trifft Grimm", die ab Samstag im Brüder-Grimm-Haus in Steinau und danach in Hanau, Gelnhausen, Marburg und vermutlich Kassel zu sehen ist. Begleitend erscheint im Hanauer Cocon-Verlag als luxuriöser Katalog und eigenständiges Kunstbuch zugleich eine aufwendige, rund 100-seitige Publikation mit gleichem Titel.

Modelle von der Straße und Prominente

Konzipiert hat die außergewöhnliche Schau der Kunsthistoriker Burkhard Kling, Leiter des Steinauer Grimm-Hauses. Auf die Idee dazu kam er gemeinsam mit Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce selbst. Als die im Jossgrund lebende Künstlerin das Museum vor zwei Jahren besuchte, entdeckte sie in den Arbeiten Ludwig Emil Grimms "nahezu dieselben Ansätze" wie in ihren eigenen: "Wir nehmen uns Menschen aus allen Schichten als Modell, bekannte Persönlichkeiten ebenso wie Leute von der Straße."

Ludwig Emil Grimm, der "Malerbruder" der Märchensammler Jacob und Wilhelm, war ein begnadeter, auch für heutige Verhältnisse moderner Porträtzeichner: Anders als viele seiner Zeitgenossen aus der Romantik verniedlichte und verklärte er nicht. Seine künstlerischen Konterfeis sind im besten Sinne realistisch, ohne nur abzubilden. Sie erfassen die dargestellten Menschen als Charaktere, schauen hinter die Fassaden, stellen jedoch nie bloß.

So macht es auch "Ink": Bis ins Detail hält sie jede Gesichtsfalte, jedes Härchen, jedes knittrige Stücken Stoff mit dem Bleistift fest. Auch sie blickt tief hinter den äußeren Schein, auch sie tut es voller Seele, lässt jedes Gesicht auf seine Weise schön wirken.

Die Konfrontation ihrer ab 2006 entstandenen Werke mit den 200 Jahre älteren ist faszinierend - zumal "Ink" die meisten Arbeiten noch ohne das Wissen um die Porträts von Ludwig Emil Grimm geschaffen hat. Erstaunlich, wie sich im punkigen Frankfurter Tippelbruder der Landstreicher "Kalmück" früherer Tage spiegelt. Frankreichs Präsident Sarkozy stellt die gleiche Haltung zur Schau wie der ehrbare Gerhardt von Reutern 1825, und die letzte Schwälmerin in Tracht könnte gut eine Schwester von Grimms alter Bäuerin sein.

Mehr zum Thema

Kommentare