1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Main-Kinzig-Kreis

„Nicht unter den Teppich kehren“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Detlef Sundermann

Kommentare

Erika R. ließ sich ein Hüftgelenk einsetzen, es kam zu Komplikationen. Per Gericht und mit Gutachten muss sie um die Beweislage kämpfen. Die jüngste Expertise bestätigt erneut: ärztliche Fehlleistung. R. will sich mit einem Vergleich nicht abfinden.

Eine mutmaßlich verpfuschte Hüftoperation mit erheblichen Folgen und ein langandauernder Rechtsstreit vor Gericht: Das will Erika R. nicht mit einem Vergleich abschließen. „Mir geht es jetzt nicht nur um das Schmerzensgeld. Ich will Genugtuung und dass die Angelegenheit nicht einfach unter den Teppich gekehrt wird“, fordert sie.

Nach einem dritten, jetzt vorgelegten Gutachten, das die Zivilkammer am Land- und Amtsgericht Hanau im April 2012 in Auftrag gab, scheint R.s Vorwurf gegen einen Arzt in einem Krankenhaus im Main-Kinzig-Kreis nicht unberechtigt zu sein. In der ärztlichen Stellungnahme über die misslungene Hüftoperation an Erika R. wird nicht nur der ersten medizinischen Expertise beigepflichtet. „Das neuerliche Gutachten formuliert eine Kritik am operativen Vorgehen, die über unsere Kritik hinausgeht“, bemerkt Christoph Kremer, Fachanwalt für Medizinrecht, der R. vor Gericht vertritt.

Erika R. lag Ende Mai 2008 auf dem OP-Tisch. Der damals 67 Jahre alten Frau sollte in die rechte Hüfte eine Prothese eingesetzt werden. Eigentlich kein große Sache bekam sie vorab in einer allgemeine Informationsveranstaltung des Krankenhauses zu hören. Dort wurde R. mitgeteilt, dass man heute nur den minimal-invasiven Eingriff anwendet.

„Sie gehen auf zwei Beinen hinein und kommen auf zwei Beinen wieder heraus“, habe der werbende Slogan in der Veranstaltung gelautet, sagt R.. In gewisser Weise traf dies auch für die Seniorin zu, aber eben nur in gewisser Weise. Denn während der OP kam es zu einer Komplikation, bei der der Chirurg laut Gutachterfazit, das der Frankfurter Rundschau vorliegt, nicht fachgerecht reagiert hat. Die Folge für Erika R.: monatelange Schmerzen und eine weitere Hüft-OP.

Der Polymethacryl-Zement, eine Zwei-Komponentenmasse, die eine feste Verbindung zwischen Knochen und Prothese herstellen soll, begann offenbar aus bislang unbekanntem Grund zu früh auszuhärten. Der Operateur hatte später in seinem Bericht notiert, dass der Zement schon beim Einbringen eine „sehr zähflüssige Konsistenz“ gehabt habe. Dennoch versuchte er den Prothesenschaft in das Markrohr des Knochens einzutreiben, was ihm nur zu einem vier Fünftel gelang, weil der Kunststoff mittlerweile nahezu steinhart geworden war.

Die beiden gutachtenden Ärzte, Bernd A. Ishaque und Markus Rickert vom Universitätsklinikum Gießen, stellen fest: „Was den Zementierablauf im vorliegenden Fall betrifft, so müssen hier an der Korrektheit des OP-Verlaufs Zweifel angemeldet werden.“ Der Operateur hätte mit der Feststellung, dass die Konsistenz zähflüssig ist, den Zementiervorgang unmittelbar stoppen und die Masse entfernen müssen.

Um den Schaden zu beheben, musste nun die Prothese herausgemeißelt und eine neue eingesetzt werden. Natürlich nicht mehr unter „Schlüsselloch“-Zugang, sondern mit klassischem Schnitt. Die OP dauerte mehr als sechs Stunden. Mutmaßlich war aber auch das „Komplikationsmanagement“ unglücklich. Die Prothese wies einen den Gutachtern zufolge zu kurzen Schaft auf.

Knapp eineinhalb Jahre nach R.s Entlassung kam es deshalb zu einem Ermüdungsbruch. Diesmal ließ sich die Rentnerin in einem Frankfurter Hospital das dritte Hüftgelenk einsetzen. Die drei OPs sind für R. bis heute nicht ohne gesundheitliche Folgen.

Ishaque und Rickert weisen nicht nur auf Kunstfehler des Chirurgen hin, sondern bemängeln wie Erstgutachter Bernhard Ketelheun einen „Dokumentationsmangel im Operationsbericht“. Es wird in der Zusammenfassung von fehlenden oder falschen Angaben berichtet. „Es bleibt vollkommen unklar, wie von dem Zementierakt der Pfannenkomponente einerseits berichtet wird, während eine solche gar nicht zum Einsatz kommt.“

Für Erika R. und ihrem Anwalt Christoph Kremer wird es mindestens noch einen vierten Verhandlungstag vor dem Zivilgericht gegeben. Bei der Zahlungsklage gegen den Operateur steht ein Schmerzensgeld von mindestens 50000 Euro zur Diskussion.

Vom Krankenhaus gab es keine Stellungnahme.

Auch interessant

Kommentare