Der gegenseitige Austausch spielt für die Familienbildung eine große Rolle.
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Der gegenseitige Austausch spielt für die Familienbildung eine große Rolle.

Hanau

Ein Netz für Familien

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Das Angebot der Familienbildung ist vielfältig. Beratung, Kurse, Veranstaltungen und Gruppentreffen gehören dazu. Zum Beispiel der Internationale Frauentreff.

Die junge Frau aus Afghanistan war stolz und strahlte. Als Kind hatte sie keine Möglichkeit, lesen und schreiben zu lernen. Und dennoch konnte sie den Sozialpädagoginnen von der Familienbildung der Stiftung Lichtblick, die sie unterstützten, berichten, dass sie in Hanau jetzt als Dolmetscherin gebraucht wird. Sie hatte eine Tätigkeit gefunden, die sie erfüllt und anderen Menschen hilft.

An solche Erfahrungen erinnern sich Leiterin Corinna Botzum sowie Monika Ewald, die die Familienbildung aufgebaut hat, gern. Genauso wie an das von ihnen organisierte Theaterspiel, bei dem Eltern und Kinder gemeinsam auftraten. Oder an die Reihe „Erlebnis Wochenmarkt“, bei der die Familien zusammen über den Markt spazierten, einkauften und danach einen Kräuterquark zubereiteten.

Das Angebot der Familienbildung ist vielfältig. Beratung, Kurse, Veranstaltungen und Gruppentreffen gehören dazu. Zum Beispiel der Internationale Frauentreff, die Erziehungswerkstatt oder die Kurse „Bewegung und Entspannung“ und „Spielen und Lernen“ für Eltern mit Kindern im Grundschulalter.

Schwierige Wohnungssuche

Die wichtigsten Ziele: die Beziehung und Kommunikation zwischen Eltern und Kindern stärken, Ressourcen in Familien fördern, Freude am Dazulernen wecken. Und nicht zuletzt: ein Netzwerk zwischen den Teilnehmern knüpfen. „Wir möchten Isolation verhindern“, sagt Botzum. Die Einrichtung wolle dazu beitragen, dass sich die Familien gegenseitig helfen. „Bei unserem Angebot orientieren wir uns immer an den Bedürfnissen der Familienmitglieder. Sie sind die Expertinnen und Experten für ihr Leben“, sagt Ewald und fügt hinzu: „Oft liegen die Lösungen in den Familien selbst.“ Zu dieser Haltung gehört auch, dass es nicht wie in vielen Seminaren zugeht: „Wir halten keine komplizierten, langatmigen Vorträge. Häufig geben wir nur einen kleinen Input.“

Die Herausforderungen, vor denen die Familien stehen, sind ganz unterschiedlich: Die einen möchten ihre Kinder noch etwas besser fördern können oder brauchen einen Tipp im Umgang mit Behörden. „Wir haben nach Anschluss und Freizeitangeboten für unsere anderthalbjährige Tochter gesucht“, sagt eine Teilnehmerin. Sie schätze den Austausch mit anderen Eltern und die Anregungen von Botzum und Ewald, etwa wenn es um das Einschlafritual der Kinder geht: „Man lernt nie aus.“

Andere müssen deutlich mehr und größere Probleme bewältigen, weil sie zu den benachteiligten Familien gehören und zum Teil am Existenzminimum leben. Wenn Ewald und Botzum zurückblicken, erkennen sie eine klare Tendenz: „Die Zahl der Multiproblem-Familien nimmt zu. Sie kämpfen zum Beispiel mit der Arbeitslosigkeit des Vaters, der Enge der Wohnung, Schwierigkeiten bei der Erziehung und Schulproblemen der Kinder“, sagt Botzum. „Der enorme Druck und die Armut machen einen Teil der Familien krank“, ergänzt Ewald.

Problem bezahlbare Wohnung

„Auffällig ist: Finanzielle Nöte machen auch nicht vor Familien Halt, die früher zur Mittelschicht gehörten.“ Eine bezahlbare Wohnung zu finden, sei ein besonders großes Problem.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Angebot und in der Statistik der Familienbildung wider. Die Einzelberatung für Frauen ist zur „Beratung für Frauen und Familien in psychosozialen Krisen und familiären Notsituationen“ geworden. Die Zahl der Klienten in der Beratung ist gestiegen: von 82 in 2008 über 96 in 2014 auf 102 im vergangenen Jahr. Multiproblematische Situationen, entweder persönliche oder familiäre, machten 2014 18 Ratsuchenden zu schaffen, 2015 waren 29 davon betroffen. „Probleme mit Behörden“ war im abgelaufenen Jahr mit 15 Nennungen der häufigste Grund für eine Beratung.

Etwa 90 Prozent der Familien, die das Angebot nutzen, haben einen Migrationshintergrund. Sie stammen unter anderem aus der Türkei, Afrika und Bosnien. Die allermeisten, die zur Familienbildung kommen, sind Frauen.

Bei allen familiären Herausforderungen legen die Sozialpädagoginnen Wert auf eine gute Grundstimmung und Zuversicht: „Wir möchten die Frauen dazu anregen, darüber nachzudenken, wo sie hinwollen und welche Träume sie haben“, erklärt Ewald. Väter seien „selbstverständlich auch sehr wichtig für die Familie“. Deshalb wünschten sich Ewald und Botzum, „dass mehr Männer unsere Angebote nutzen. Teilweise ist das nicht möglich, weil sie im Schichtdienst arbeiten“, sagt Corinna Botzum.

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