Die Mitarbeiterinnen der Lawine nehmen sich viel Zeit für verletzte Seelen.
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Die Mitarbeiterinnen der Lawine nehmen sich viel Zeit für verletzte Seelen.

Main-Kinzig

Wo Missbrauchte Halt finden

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Die Beratungsstelle Lawine hat Geldsorgen. Sie kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Die Täter sind nicht immer nur Erwachsene. Die Zahl der Übergriffe unter Kindern nimmt zu.

Die Beratungsstelle Lawine hat Geldsorgen. Sie kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Die Täter sind nicht immer nur Erwachsene. Die Zahl der Übergriffe unter Kindern nimmt zu.

Es ist ein wunderschönes Kinderzimmer: hell, bunt, mit vielen Spielsachen und Handpuppen. Doch viele der Kinder, die herkommen, haben grausame Erfahrungen gemacht. Sie wurden sexuell belästigt und missbraucht. Das Zimmer hat die „Lawine“ eingerichtet, die Hanauer Beratungs- und Präventionsstelle gegen sexuelle Gewalt. Im Gespräch mit den Therapeutinnen finden Betroffene Halt und Hilfe.

„Unter Kindern und Jugendlichen steigt die Zahl der Übergriffe“, sagt Nadine Chaudhuri, eine der Lawine-Therapeutinnen, und nennt mögliche Gründe dafür: „Viele Familien sind in einer prekären wirtschaftlichen Lage. Das führt zu Konflikten – und stört die Entwicklung von Kindern.“ Das Gewaltpotenzial habe zugenommen, außerdem würden Kinder und Jugendliche durch das Internet leichter an Pornografie herankommen. Ein großer Teil der übergriffigen Minderjährigen sei selbst missbraucht worden, sagt Chaudhuri.

Die Lawine kümmert sich um Mädchen und Jungen bis 12 Jahren, aber auch um junge und erwachsene Frauen. Die Beratungsstelle hat nach wie vor viel zu tun: Nach Angaben der Lawine hat sich die Gesamtzahl der Fälle zwar nicht erhöht, aber mit 279 im Jahr 2011 und 274 im Jahr 2012 ist sie weiter auf einem hohen Niveau. Neben individueller Beratung und Therapie bietet die Lawine auch Gruppen für Betroffene an, begleitet Opfer bei Gerichtsterminen, berät in Verdachtsfällen und kümmert sich um Prävention. Hinzu kommt, dass die Lawine – als einzige Einrichtung in Hessen – ausgewählt wurde, um pädagogische Fachkräfte fortzubilden und so Missbrauch vorzubeugen und zu erkennen. Die vier Mitarbeiterinnen veranstalteten 2011 21 Fortbildungstage, im vergangenen Jahr 19.

Umso schwerer wiege es, dass die Beratungsstelle von finanziellen Kürzungen betroffen ist, sagt Therapeutin Christa Klose: „Wir müssen jetzt noch mehr Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising betreiben.“ Das koste viel Zeit und gehe zu Lasten der Mitarbeiter sowie der Hilfesuchenden. Die Lawine muss sich zu 50 Prozent selbst finanzieren, unter anderem durch Spenden und Bußgelder. Das Team muss einen sechsstelligen Betrag zusammenbekommen. Die andere Hälfte übernimmt die öffentliche Hand. Doch wegen der Auflagen des Kommunalen Rettungsschirms kürzt die Stadt Hanau ihre freiwilligen Leistungen um fünf Prozent, der Main-Kinzig-Kreis hat bereits um zehn Prozent gekürzt. „Gleichzeitig ist es schwieriger geworden, Spenden zu bekommen. Die Bußgelder sind ebenfalls weniger geworden“, sagt Klose. Weil sie und ihre Kolleginnen Geld sammeln müssen, haben sie ihre Beratungszeit von 118 auf 110 Stunden reduziert.

Der Schritt ist ihnen schwer gefallen. Die Nachfrage sei groß: „Wir würden gern auch die dringend notwendigen Hilfen für erwachsene Männer anbieten, die einst missbraucht worden sind. Eigentlich müssten wir unser Angebot ausbauen“, sagt Chaudhuri. Auch weil die Wartezeiten bei niedergelassenen Therapeuten oft lang seien. „Doch die Betroffenen brauchen sofort Hilfe.“

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