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Die Arbeit im Franziskus-Haus half Mathilde Kämmerer über eine schwere Zeit hinweg.
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Die Arbeit im Franziskus-Haus half Mathilde Kämmerer über eine schwere Zeit hinweg.

Soziales Engagement

Den Menschen Zeit schenken

Mathilde Kämmerer engagiert sich für Obdachlose und Einsame in Hanau. 17 Jahre lang spendete sie auch bei der Telefonseelsorge Trost.

Die Fingernägel in Perlmuttrosa lackiert, Strick-Kombi in dezenter Eleganz – die äußere Erscheinung will so gar nicht passen zu der Klientel, mit der Mathilde Kämmerer seit über 20 Jahren Teile ihrer Freizeit verbringt. Die Steinheimerin hilft ehrenamtlich mit im Hanauer Franziskus-Haus. In der Tagesstätte kümmert sie sich mit haupt- und ehrenamtlichen Kräften um wohnsitzlose Erwachsene. „Penner – dieses Klischee habe ich auch bedient“, gibt die knapp 77-Jährige zu. Schmutz, Alkohol, Bettelei. „Das stimmt natürlich zum Teil. Aber man muss die Geschichten sehen, die dahinter stecken.“

Von den menschlichen Dramen, die sie hier zu hören bekam, war 1993 die damals 56-jährige Fremdsprachensekretärin mit Mann und zwei erwachsenen Töchtern verschont. Das Leben war wohlgeordnet und frei von größeren Sorgen. Ihr Vorruhestand kündigte sich an und ihr Ehemann habe sie ermuntert, sich nach einer Beschäftigung umzusehen. Nur als Hausmütterchen habe er sich seine energiegeladene Frau sie nicht vorstellen können, erinnert sich Mathilde Kämmerer.

Durch einen Zeitungsartikel war sie auf das Franziskus-Haus aufmerksam geworden und hatte sich dort vorgestellt. „Das war schon eine Herausforderung“, erinnert sie sich. „Ich stand vor der Tür der Tagesstätte, damals noch in der Breslauer Straße, und da war ein Krach und Rauschwaden kamen raus. Da fragte ich mich, ob ich das schaffe.“

Sie schaffte es, dank der herzlichen Begleitung der Haupt- und der anderen Ehrenamtlichen. Sie bekam Routine in der Küche beim Herrichten von Mahlzeiten, erfuhr menschliche Verbundenheit bei Gesprächen mit den Obdachlosen. Das habe ihre Einstellung radikal verändert, sagt Kämmerer: „Ich dachte manchmal: Mann, das hätte auch Dir passieren können. Du hast einfach Glück gehabt.“

Ehrung durch das Land Hessen

Zwei Jahre später, 1995 , schlug dann im eigenen Leben das Schicksal zu. Ihr Mann, mit dem sie noch so viel unternehmen wollte, starb mit nur 60 Jahren. Sekunden-Herztod. „Da stand ich da – der Boden war mir unter den Füßen weggezogen,“ Damals habe die Arbeit im Franziskus-Haus und die Gruppe der Helfer sehr geholfen, sagt Kämmerer. Sie hatte plötzlich viel Zeit, und einen Teil davon widmete sie den Obdachlosen. „Sie sind so dankbar, dass ihnen mal jemand zuhört“, stellte sie fest.

Die Fähigkeit, zuzuhören und Verständnis zu entwickeln hat Mathilde Kämmerer dann auch zur Telefonseelsorge geführt, wo sie 17 Jahre lang zu den anonymen Helfern gehörte. Für ihr langjähriges Engagement hat sie den Ehrenbrief des Landes Hessen erhalten.

Dass sie heute mit ihrem Leben zufrieden ist, führt sie darauf zurück, dass selbst aktiv ist und „etwas Sinnvolles“ tut. Etwa, indem sie am Leben Anderer Anteil nimmt. Aber auch ihr eigens Leben nicht vernachlässigt. Da seien der Garten mit den vielen Rosen, ihre drei Wandervereine. Und nicht zuletzt die 15-jährige Enkelin. Sie sei ihr „größtes Hobby“, sagt die stolze Großmutter. „Wir haben eine ganz besondere Beziehung.“

Die agile Steinheimerin, die in wenigen Tagen 77 Jahre alt wird, hat jüngst eine neue Aufgabe gefunden. Über das Seniorenbüro hat sie sich an die Martin-Luther-Stiftung vermitteln lassen. In einem Pflegeheim betreut sie zwei alte Herren. Sie fährt sie mit den Rollstühlen spazieren, besucht das Café, unterhält sich mit ihnen. Und sie erfährt, wie bei den Obdachlosen, eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass da ein Mensch ist, der sich Zeit für sie nimmt.

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