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Die meisten wollen doch zu Hause sterben

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Christa Kuhn (re) die Leiterin des Hospizes Louise de Marillac in Hanau mit Helene Bach (im Bett) und deren Schwiegertochter Vera Bach.
Christa Kuhn (re) die Leiterin des Hospizes Louise de Marillac in Hanau mit Helene Bach (im Bett) und deren Schwiegertochter Vera Bach. © Sascha Rheker/attenzione

Das Hospiz Louise de Marillac hilft Schwerstkranken mit ganzheitlicher Pflege. Dabei gilt: Auch kleine Freuden sind wichtig.

Von Ute Vetter

Die meisten Leute senken die Stimme, wenn sie unser Haus das erste Mal betreten“, sagt Christa Kuhn (48) – und lacht. Sie leitet seit 2005 das Hospiz Louise de Marillac und erzählt gern, dass hier auch gescherzt wird. Das sei wichtig, denn die Schwerstkranken und Sterbenden, die hier zu Gast sind, brauchen Aufmunterung: Sie sind hier, um ganzheitlich gepflegt und betreut ihr Lebensende zu erwarten. „Unsere Pflege ist darauf ausgerichtet, ihre Leiden und Schmerzen zu lindern“, betont Kuhn.

Dazu gehört die Medikamentengabe, verordnet von Fach- und Hausärzten, die regelmäßig hier vorbeischauen. Die Gäste können ihren Tagesablauf nach Wunsch gestalten, es gibt keine starren Abläufe. „Manchmal ist es morgens um 8.30 Uhr ruhig, weil alle noch schlafen, ein andermal geht’s schon um 7.30 Uhr im Frühstückszimmer rund“, sagt Kuhn. Wer will, kann sich an leichten hauswirtschaftlichen Tätigkeiten beteiligen. „Eine alte Dame liebte es, beim Plätzchenbacken zu helfen.“

Etwa 15 Fachpflegekräfte – davon haben dank einer Hospizstiftung rund 70 Prozent die 2000 Euro teure Palliativ-Care-Zusatzausbildung absolviert – und 15 ehrenamtliche Hospizhelfer arbeiten hier. Alle teilen die Trauer mit den Todkranken und ihren Angehörigen, wollen aber auch kleine Freuden bereiten. Dazu gehört ein Spaziergang über den Wochenmarkt, ein Ausflug im Bett auf die Sonnenterrasse oder ein Eisbecher in der Fußgängerzone. Die meisten Gäste leiden an Tumoren, Herz- oder Niereninsuffizienz, Multipler Sklerose (MS) oder Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer Muskelkrankheit.

„Die kürzeste Aufenthaltsdauer eines Gastes bisher betrug 20 Minuten, die längste 16,5 Monate“, erzählt Christa Kuhn. Und dass sich in den vergangenen 30 Jahren in Deutschland in der Hospiz- und Palliativbetreuung viel getan habe. Bis heute seien über 150 stationäre Hospize entstanden. „Sie bilden mit vielen ambulanten Hospizdiensten und den seit 2007 installierten Palliativteams ein wichtiges Netzwerk.“

So gibt es auch in Hanau seit Jahren ein ambulantes Palliativteam, eine Kooperation des St. Vinzenz- und des Stadtkrankenhauses. Beide Häuser bieten auch Palliativmedizin an. Zudem gibt es die Arbeitsgemeinschaft Hospiz, einen ökumenischen, ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst.

Generell sind Hospize für Menschen mit Tumoren oder schwersten chronischen Leiden in einem weit fortgeschrittenen Stadium gedacht, für die eine Heilung ausgeschlossen erscheint. Auch Menschen mit dem Vollbild der Infektionskrankheit Aids finden im Hanauer Hospiz Aufnahme.

Die Lebenserwartung der Gäste beträgt meist nur wenige Wochen bis einige Monate. Eine Krankenhausbehandlung ist nicht mehr erforderlich, aber eine spezielle palliativmedizinische Versorgung notwendig. Falls sich der Zustand eines Gastes während des Aufenthaltes stabilisiert oder gar verbessert, wird er entlassen. „Zu Hause sterben, im Schoß der Familie – das wünschen sich alle“, weiß Christa Kuhn .

Obwohl katholisch geprägt, steht das Hospiz Louise de Marillac grundsätzlich Menschen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft und Religionszugehörigkeit offen. So feierte hier ein Gast buddhistischen Glaubens einmal eine buddhistische Abschiedszeremonie mit Mönchen. Doch nennt Christa Kuhn die Hauskapelle das „Herzstück“. Dort gab es schon einmal eine Trauung, weil die todkranke Mutter der Braut hier Gast war. Kurz danach starb sie. Christa Kuhn: „Sie war so glücklich, dass ihre Tochter geheiratet hatte.“

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