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Die ersten Meter auf dem neuen Wanderweg führen am Parkplatz Buchberg bei Langenselbold in den Wald.

Wanderweg im Spessart

Neues Bild vom Spessart

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Der moderne Wanderer bevorzugt Pfade, Aussichtspunkte, Seen, offene Parklandschaften und Bachläufe - also abwechslungsreiche Strecken. Ein Experte entwickelt einen 84 Kilometer langen Wanderweg zwischen Langenselbold und Schlüchtern.

Wanderer gehen ums Verrecken nicht gern auf Asphalt“, sagt Rainer Brämer. Der moderne Wanderer bevorzuge Pfade, Aussichtspunkte, Seen und Bachläufe, offene Parklandschaften statt düsterer Wälder, klare Markierungen, Stille und Einkehrmöglichkeiten – also abwechslungsreiche Strecken.

Der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Wanderinstituts beschäftigt sich seit 20 Jahren aus wissenschaftlicher Sicht mit dem Wandern. Und er setzt seine Erkenntnisse in die Praxis um. Zum Beispiel im Main-Kinzig-Kreis: Dort hat er mit seinem Kollegen Matthias Gruber den Wanderweg Spessartbogen mitentwickelt – 84 Kilometer zwischen Langenselbold und Schlüchtern, südlich der Kinzig durch Wälder und Täler, über Bergkämme und Wiesen. Im Kopf hatte er dabei die Kriterien, die das Wanderinstitut für einen „Premiumwanderweg“ verlangt.

„Und das war ganz schön schwierig“, sagt er am Samstag vor Journalisten, die der Kreis vor der Eröffnung zum Probewandern bei Bad Orb eingeladen hat. Da ist das Kinzigtal voller Straßen und lautem Verkehr; und südlich der Spessart-Wald, oft dunkel und fast unendlich. Zwei Langstreckenwanderwege gibt es bereits: den Eselsweg von Schlüchtern nach Großheubach und die Birkenhainer Straße von Hanau nach Gemünden. Doch beide führten wenig abwechslungsreich über Bergkämme und breite Wirtschaftswege, sagt Brämer.

So studierten die Experten topographische Karten, schauten sich um, planten und verhandelten. Und waren „lange nicht sicher, ob wir die Punktzahl für einen Premiumweg erreichen“.

Es drohten asphaltierte Wege, die auf einem Premiumweg höchstens 15 Prozent ausmachen dürfen. Auch Eintönigkeit, unschöne Ausblicke und triste Siedlungen sind nicht erwünscht. Und ist eine schöne Wegstrecke gefunden, müssen Verhandlungen geführt werden. Da gab es Grundbesitzer, die die Erlaubnis verwehrten. Für Ratzeroth (bei Schlüchtern) will die Naturschutzbehörde nicht, dass ein alter Weg über eine geschützte Wiese wiederbelebt wird. Und die Kommune Biebergemünd habe einen Pfad mit Hinweis auf die Jäger verhindert, berichtet Brämer nur von einigen Schwierigkeiten.

Doch es gab auch positive Überraschungen. „Das Jossatal war unser Glück.“ Auch die Aussichtshöhe oberhalb von Waldrode, Sölchesweiher, Biberbauten im Rohrbachtal, Willingsgrundweiher, Wiesenpromenade Hohenzeller Berg und viele Ecken mehr überzeugten den Experten: „Ich habe ein völlig neues Bild vom Spessart.“ Er selbst wird das Siegel nicht vergeben, doch er ist sich sicher, dass der Spessartbogen sich schon bald Premiumwanderweg nennen darf.

Viel dazu beigetragen hat auch Georg Dederich. Der Schreinermeister leitet die Werkstatt des Zweckverbands Naturpark Spessart, einer der Initiatoren des Wanderwegs. Dederich hat mit drei jungen Helfern vom Freiwilligen ökologischen Jahr und Bundesfreiwilligendienst 2500 Markierungsschildern an Bäume genagelt, Stufen in rutschige Wege geschlagen, Geländer angebracht und 120 Bänke und Tische aus heimischer Spessarteiche gefertigt. Die müssen noch aufgestellt werden. Das sei bei 250 Kilo pro Bank zum Beispiel am Sölchesweiher bei Bad Orb, wo kein Transporter hinkomme, eine echte Herausforderung, sagt er. Und es sei spannend, das Entstehen eines Wanderwegs zu begleiten. So muss er sich beim Markieren und der Wegewahl in andere hineinversetzen.

Kommunen, Hotels und Gaststätten hoffen, dass der Spessartbogen viele Menschen in den Main-Kinzig-Kreis zieht. Kürzlich stellte der Kreis extra die Marketingfachfrau Claudia Klemm ein, die über die Region hinaus für den Weg werben soll. Eine Wanderkarte ist fast fertig, ein Buch in Arbeit. Insgesamt habe die Einrichtung des Weges bisher rund 250000 Euro gekostet, sagt Kreissprecher John K. Mewes, ein großer Teil davon stamme aus unterschiedlichen Fördertöpfen.

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