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Junge Leute, die sich ausbilden lassen wollen, sind gefragt, sagen IHK und Handwerker.

Hanau

Mangelware Azubi

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Arbeitgeber und Vermittler beklagen zu viele Studenten und zu wenige Lehrlinge.

Weniger Bewerber, zu viele unbesetzte Lehrstellen und zu viele Studierende. Das war am Donnerstag die Botschaft zur Bilanz des Ausbildungsmarktes 2013/14, zu deren Bewertung die Agentur für Arbeit, die IHK und die beiden Handwerkskammern im Kreis eingeladen hatten.

„Generation Bachelor“ hatte IHK-Hauptgeschäftsführer Gunther Quidde seine Präsentation überschrieben. Im Jahr 2014 seien in IHK-Betrieben im Main-Kinzig-Kreis 1250 Ausbildungsverträge unterzeichnet worden, „weniger als im Krisenjahr 2009“, da waren es rund 110 mehr. Somit nehme die Zahl der Auszubildenen ab, sagte Quidde, derzeit sind es im IHK-Bereich in allen drei Jahrgängen zusammen rund 3500. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hingegen steige (siehe Grafik).

Handwerker agieren flexibler

Den sinkenden Ausbildungszahlen steht gegenüber, dass der Prozentsatz derer, die nach dem Abi studieren, zunimmt. Die Unternehmen seien aber auf der Suche nach Facharbeitern, sagte Quidde und präsentierte eine Umfrage der IHK: Demnach suchen die IHK-Unternehmen im Kreis derzeit 310 Ingenieure, in zehn Jahren werden es nur 270 sein. Bei Frauen und Männern mit Ausbildung hingegen steige der Bedarf von t 6700 auf 8900 Menschen.

Zudem sei die Abbrecherquote bei den Studierenden sehr hoch. Wenn diese sich dann bei IHK-Betrieben bewerben würden, hätten sie oft von vorneherein keine Chance, sagt Quidde kritisch in Richtung der IHK-Mitglieder – und lobte die Handwerker, die eher bereit seien, sich um Bewerber zu bemühen, die nicht genau zu ihren Vorstellungen passten.

Der Leiter der Arbeitsagentur Hanau, Alexander Noblé, kritisierte den Trend zum Abitur. Hessenweit begännen 57 Prozent der Abiturienten ein Studium. Unter den anderen 43 Prozent seien einige, die eine Ausbildung starteten. Da stelle sich die Frage, wieso sie das nicht gleich nach der Mittleren Reife getan hätten, sagte Noblé unter beifälligem Nicken von IHK-Mann Quidde.

So verlören die jungen Leute zwei Jahre, und das gelte auch für die Rente. „Eine Mittlere Reife mit 3 ist besser als ein Abitur mit 4“, sagte Noblé. Doch das sehen viele Jugendliche offenbar anders: Laut Agentur gehen 53 Prozent der jungen Frauen und Männer, die einen Realschulabschluss haben, auf weiterführende Schulen. Nur ein knappes Drittel, 30 Prozent, fängt eine Ausbildung an. Noch vor einigen Jahren sahen das auch Lobbyverbände wie die IHK anders: Viele Betriebe wollten lieber Abiturienten als Realschüler.

Unabhängig von den Entscheidung jedes Einzelnen werde aber in Deutschland „der Bedarf an Akademikern krass überzeichnet“, sagte Noblé. Das liege am „angelsächsischen Irrtum“, sagte Noblé: Dort gebe es unterhalb des Bachelors keinen geregelten Ausbildungsabschluss. Das sei aber in Deutschland mit dem dualen Ausbildungssystem ganz anders.

Im Handwerk sei die Zahl der Ausbildungsverträge mit rund 650 über die vergangenen Jahre stabil geblieben, berichteten die Geschäftführer der Kreishandwerkerschaften Hanau und Gelnhausen-Schlüchtern, Axel Hilfenhaus und Klaus Zeller. Das sei „angesichts der demografischen Entwicklung und dem Trend zu weiterführenden Schulen und höheren Schulabschlüssen ein ausgesprochen gutes Ergebnis“, sagte Hilfenhaus.

Eltern handeln befangen

Zeller betonte aber auch, dass es „noch in fast allen Berufen freie Ausbildungsstellen gibt“. Auch jetzt könnten junge Leute noch eine Lehrstelle bekommen, „wenn sich der Schulbesuch als falscher Weg erweist“. Gerade die Handwerksmeister entschieden bei Einstellungen nicht nur nach Schulleistungen, sondern „eher aus dem Bauch heraus“. Dabei habe er die Erfahrung gemacht, dass gerade Gymnasiasten „nicht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sind“, sagte Zeller. Sie hätten oft keine richtigen Vorstellungen von den Berufen.

Generell werde die Berufswahl von jungen Leuten stark von den Eltern mitbestimmt, sagte Arbeitsamtschef Noblé. Sie seien aber oft ihrer eigenen Erfahrungswelt verpflichtet und richteten sich eher danach, „was vor 20 Jahren gut war“, sagte er. Deshalb seien die Eltern bei der Information über Berufe und Zukunftschancen die wichtigste Zielgruppe.

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