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Emra Krasniqi, hinten im roten Pullover, kann sich nicht vorstellen, seine Familie zu verlassen.

Main-Kinzig

Endloser Kampf um Bleiberecht

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Der gebürtige Hanauer Emra Krasniqi und seine Familie sind immer wieder von Abschiebung in den Kosovo bedroht, nach Jahrzehnten in Deutschland.

Emra Krasniqi findet kaum noch zur Ruhe: „Mein Kopf ist voll. Viel kann ich nicht mehr ertragen“, sagt er. In den vergangenen Wochen lag er nachts meist lange wach, und wenn er einschlief, wachte der 22-Jährige nach wenigen Stunden auf. Er kämpft. Aber manchmal verliert er die Hoffnung und ist so niedergeschlagen, dass die dunkelsten Gedanken hochkommen.

Was ihn quält, ist der sich aussichts- und endlos anfühlende Kampf um ein dauerhaftes Bleiberecht. Die Angst, dass „mir von einem auf den anderen Moment alles genommen wird“, sei immer da. Obwohl Krasniqi, der im Osten des Main-Kinzig-Kreises lebt, in Hanau geboren wurde, droht ihm wieder einmal die Abschiebung in den Kosovo. Das Land, dessen Sprache er nicht beherrscht, in dem er nie war und aus dem seine Eltern wegen des Balkankriegs und rassistischer Attacken flohen. Mutter Kumrije Kurteshi ist Romni, Vater Selim Krasniqi Aschkali, er gehört einer muslimisch geprägten Gruppe der Roma an. Beide Minderheiten werden im Kosovo diskriminiert, teils verfolgt.

Im Juni erhielt Emra Krasniqi eine Verfügung der Ausländerbehörde des Kreises. Darin wurde sein Antrag auf eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis abgelehnt und er aufgefordert auszureisen. Mittlerweile hat die Behörde eine Duldung ausgesprochen, die aber nur bis Anfang November gilt und ihm keine Erwerbstätigkeit gestattet. Immer wieder mussten seine Eltern, seine Geschwister und Emra um ihr Bleiberecht ringen, konnten nur mit Rechtsbeistand und nach nervenaufreibenden Verfahren Duldungen erreichen.

Vor ein paar Jahren sollten die Eltern Deutschland – nach fast 30 Jahren – verlassen, nachdem der Kosovo als „sicheres Herkunftsland“ eingestuft worden war – obwohl sich die hessische Härtefallkommission eindeutig für ihren Verbleib aussprach, aus humanitären Gründen.

Kurteshi ist schwerbehindert

Kurteshi ist schwerbehindert. Sie leidet unter Schmerzen, unter anderem wegen Schäden an der Wirbelsäule, und an Depressionen. Im Kosovo drohten dem Ehepaar Armut und Verfolgung. Die Frankfurter Rundschau machte den Fall 2019 öffentlich, Organisationen wie der Landesverband Deutscher Sinti und Roma und Pro Asyl übten daraufhin scharfe Kritik und setzten sich für die Familie ein. Auch aufgrund Kurteshis Krankheit wurde den Eheleuten schließlich doch eine Duldung zugesprochen. Zuvor hatten die Kinder, auch Emra, und Tochter Djulas Mann zugesagt, den Lebensunterhalt der Eltern zu sichern.

Bei Emra hat eine Sachbearbeiterin in ihrer Ablehnung jetzt im Wesentlichen angegeben, seine Integration sei gescheitert, auch die wirtschaftliche. Er habe keine Lehre beendet und seine Pflicht, bei der Beschaffung des Passes für die Ausreise mitzuwirken, nicht erfüllt. Darüber hinaus habe er mit elf Jahren einen Ladendiebstahl begangen.

Emra macht das fassungslos: „Ich bin hier aufgewachsen, in die Kita und zur Schule gegangen, habe einen guten Abschluss gemacht und im Verein Sport getrieben. Alle meine Freunde und meine Freundin, mit der ich seit sieben Jahren zusammen bin, sind hier.“ Über eine abgeschlossene Ausbildung zum Maler und Lackierer verfügt er nicht, weil er einen anderen Job annahm, „um mehr zu verdienen, für meine Eltern sorgen zu können und so ihre Abschiebung zu verhindern“. Seine letzte Stelle verlor er wegen eines Armbruchs und Corona. Ansonsten hat er stets gearbeitet, nimmt nach wie vor keine Sozialleistungen in Anspruch. In seinen Schul- und Arbeitszeugnissen stehen gute, teils sehr gute Noten und Beurteilungen. „Herr Krasniqi ist ein aufgeschlossener Mitarbeiter, der sich sehr gut in das Team integrierte“, steht in dem Zeugnis des Malermeisters, der zudem Emras hohe Motivation und die Qualität seiner Arbeit lobt.

Ein Unterstützer der Familie kritisiert die Ausländerbehörde und deren „institutionelle Diskriminierung“, auch in anderen Fällen. „Die Leute werden schikaniert, zermürbt. Dieser Familie wird seit 30 Jahren signalisiert: ,Wir wollen euch nicht hier haben.‘“ Zum Teil würden abstruse Gründe angeführt. „Als Emra versuchte, ein Kleidungsstück zu klauen und es dann zurückgab, war er elf und nicht strafmündig. Der Vorfall dürfte gar nicht in der Akte sein. Was zählt, ist: Sein Führungszeugnis ist sauber.“

Kreis weist Vorwurf der Diskriminierung zurück

Der Kreis weist den Vorwurf der Diskriminierung und die Kritik an den Entscheidungen „vehement“ zurück. Aus Gründen des Datenschutzes sei keine detaillierte Auskunft möglich. Aus der Antwort eines Sprechers geht jedoch hervor, Krasniqi habe seine Bemühungen um den Pass nicht nachgewiesen, obwohl er wiederholt daran erinnert worden sei. Auch die „Unmöglichkeit“ der Beschaffung habe er nicht belegt. Die Duldung sei für den üblichen Zeitraum ausgestellt worden, über die Erwerbstätigkeit könne nicht anders entschieden werden, auch weil Krasniqi derzeit keine Stelle habe. Wenn er eine finde, könne ihm die Erlaubnis erteilt werden.

Die Sorge um ihr Kind belastet Kurteshi. „Warum immer wir? Warum?“, fragt sie und weint. Emra sei hier geboren, nicht kriminell, brauche keine Sozialhilfe. Ein „guter Sohn“.

Die Vorwürfe der Behörde seien völlig haltlos, sagt Krasniqis Rechtsanwältin Sabine Mock. „Emra hat Anspruch auf eine Aufenthaltserlaubnis.“ Nach ihrer Ansicht auf jeden Fall nach Paragraf 25b des Aufenthaltsgesetzes, der die Erlaubnis bei „nachhaltiger Integration“ vorsieht. Krasniqi erfülle alle Voraussetzungen, habe etwa einen Schulabschluss, sei faktisch „Inländer“. Im Kosovo habe er keine familiären Kontakte, könne weder Albanisch lesen noch schreiben. Es sei nicht zu erwarten, dass der 22-Jährige dort Arbeit und Wohnung findet, er würde wohl „auf der Straße landen“. Vom Konsulat könne er schlicht keinen Pass bekommen, auch weil er nicht im Kosovo geboren wurde und über keine kosovarische Geburtsurkunde verfügt. Dennoch habe er sich mehrfach um den Pass bemüht, wie sein Schwager bezeugen könne.

Krasniqis Fürsprecher verweist darauf, der gebürtige Hanauer habe dem Amt mündlich von seinen Bemühungen berichtet, einen Nachweis dafür stelle das Konsulat nicht aus.

„Deutschland ist mein Land, mein Zuhause. Ich kann mir nicht vorstellen, meine Familie zu verlassen. Im Kosovo hätte ich keine Chance“, sagt Emra Krasniqi. Mit dem Arbeitsverbot, zumindest auf dem Papier, und einer dreimonatigen Duldung ist es schwer, jetzt einen Arbeitsplatz zu finden. Er gibt nicht auf, bietet sich auch bei Zeitarbeitsfirmen an. Seine Wünsche für die Zukunft? Er wolle, wie andere, einen guten Job finden und eine Familie gründen, „ein zufriedenes, sicheres Leben führen, ohne Angst vor Abschiebung“.

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